Sammler Wilhelm Schürmann: Der Kunstflüsterer

Klenkes März 2015, Seite 8

Unter dem Titel »Le Souf­fleur« cho­reo­gra­phiert Wil­helm Schür­mann eine Begeg­nung der Samm­lung Lud­wig mit sei­ner eige­nen. Ein Besuch auf der Zielgeraden.

Mitt­woch­mit­tag im Lud­wig Forum für Inter­na­tio­na­le Kunst: Wil­helm Schür­mann ist gera­de nicht nach Kaf­fee zumu­te. »Zur Zeit bin ich der­art mit Adre­na­lin auf­ge­la­den«, sagt er. »Da wäre mir ein Was­ser lie­ber; oder ein Oran­gen­saft.« Im Lau­fe des Vor­mit­tags sind die ers­ten, in Luft­pols­ter­fo­lie geschla­ge­nen Wer­ke hier ange­lie­fert wor­den. Auch meh­re­re Kis­ten mit schwe­rem Inhalt haben ihr Ziel bereits erreicht. Am liebs­ten wür­de Schür­mann gleich mit der Hän­gung der Bil­der begin­nen. Doch der Start­schuss zum Auf­bau sei­ner Aus­stel­lung soll erst am nächs­ten Tag fal­len. Geduld ist gefragt. O‑Saft statt Kaffee.

Jüngs­tes Werk »Tru­de«, digi­ta­ler Druck auf Papier wie­der­um auf Alu­mi­ni­um des Wie­ner Kümnst­lers Hein­rich Dunst stammt aus dem Jahr 2014.

Wil­helm Schür­mann, 1946 in Dort­mund gebo­ren, kam Ende der 60er Jah­re für ein Che­mie­stu­di­um nach Aachen und blieb. Nach dem Abbruch des Stu­di­ums wand­te er sich sei­ner gro­ßen Lei­den­schaft, der Foto­gra­fie zu und grün­de­te 1973 mit Rudolf Kicken eine der ers­ten Gale­rien für Foto­kunst über­haupt in Euro­pa. Ab 1972 unter­rich­te­te er Foto­gra­fie zunächst an der RWTH Aachen, ab 1981 im Rah­men einer Pro­fes­sur an der Fach­hoch­schu­le Aachen, Fach­be­reich Gestal­tung. Heu­te lebt Wil­helm Schür­mann zum Teil in Aachen, zum Teil in Ber­lin und zur Erho­lung dazwi­schen in Los Angeles.

Seit Beginn der 80er Jah­re sam­meln er und sei­ne Frau Gaby zeit­ge­nös­si­sche Kunst, haben ihr her­vor­ra­gen­des Gespür dabei immer wie­der unter Beweis gestellt. Was sie sam­meln, setzt sich durch, auch wenn es »manch­mal zehn Jah­re dau­ert, bis ein Künst­ler sei­nen Weg in Muse­en oder eta­blier­te Samm­lun­gen fin­det«, wie Schür­mann schon zig­fach beob­ach­tet hat.

Le SouffleurMit der Aus­stel­lung »Le Souf­fleur« fei­ern Tei­le ihrer Samm­lung nun Begeg­nung mit einer ande­ren bedeu­ten­den Kunst­samm­lung: der von Ire­ne und Peter Lud­wig. »Es ist abso­lut sinn­voll, die­se bei­den gera­de hier auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen«, erklärt Bri­git­te Fran­zen, noch bis Ende April Direk­to­rin des Lud­wig Forums. »Bei­de Samm­lun­gen gin­gen von Aachen aus, sie befin­den sich vom kunst­his­to­ri­schen Wert auf Augen­hö­he. Der wich­ti­ge Unter­schied ist aber, dass zwi­schen bei­den Samm­ler­paa­ren ziem­lich genau eine Genera­ti­on liegt.«

Jede Samm­lung legt den Fokus auf die Gegen­warts­kunst ihrer jewei­li­gen Zeit. So wer­den die gro­ßen Strö­me der Kunst­ent­wick­lung, denen die Lud­wigs folg­ten, bei den Schür­manns kon­ter­ka­riert. Zusam­men­ge­führt ergibt sich ein sel­ten prä­zi­ser und über­grei­fen­der Blick auf die Gegen­warts­kunst seit 1960.

»Le Souf­fleur«, die­ser Titel schweb­te Wil­helm Schür­mann gleich vor, als Bri­git­te Fran­zen die Idee zur Aus­stel­lung vor rund einem Jahr an ihn her­an­trug. Ihm kommt bei die­ser Zusam­men­füh­rung nicht nur die Rol­le des Samm­lers, son­dern auch die des Kura­tors zu. Er selbst inter­pre­tiert sei­ne Auf­ga­be etwas anders: »Ich sor­ge für ein leicht­fü­ßi­ges Mit­ein­an­der, bin in dem Sin­ne also eher Cho­reo­graph der Aus­stel­lung.« Eines möch­te er auf kei­nen Fall: die Wer­ke gegen­ein­an­der aus­spie­len. Gemein­sam sol­len sie statt­des­sen etwas Neu­es erschaf­fen, sich gegen­sei­tig kom­men­tie­ren, mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, ein­an­der zuflüs­tern und souf­flie­ren – und dem Muse­ums­be­su­cher bis dato nicht erkann­te Blick­win­kel öffnen.

Ältes­tes Werk Zur Ver­brei­tung von Nach­rich­ten und Pro­pa­gan­da plat­zier­te die rus­si­sche Tele­gra­fen-Agen­tur ROSTA Pla­ka­te in Fens­tern leer­ste­hen­der Häu­ser Mos­kaus. Die­se »ROS­TA-Fens­ter« wur­den 1920/​21 durch den Künst­ler Wla­di­mir Maja­kow­ski gestaltet.

Nie­mand scheint geeig­ne­ter als Wil­helm Schür­mann, um die Gemäl­de, Fotos und Instal­la­tio­nen mit­ein­an­der zum Flüs­tern zu brin­gen. Einen Groß­teil der Künst­ler, deren Arbei­ten er besitzt, kennt er per­sön­lich. Inten­siv beschäf­tigt er sich mit deren Wer­ken, durch­dringt ihre Aus­sa­gen, ord­net sie zeit­ge­schicht­lich ein, erkennt Zita­te und Anspie­lun­gen, ana­ly­siert Tech­nik und Mate­ri­al, um alles im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes zu begrei­fen. Er mag es kon­tro­vers und wider­spens­tig, will von der Kunst begeis­tert wer­den: »Wie oft habe ich schon gedacht ›Das ist so bekloppt!‹?! Und gleich danach: ›Groß­ar­tig!‹« Nein, Wil­helm Schür­mann ist kei­ner die­ser Samm­ler, die Kunst­wer­ke als blo­ße Inves­ti­ti­on ver­ste­hen. Allein wegen sei­nes mate­ri­el­len Wer­tes käme ihm ein Bild nie­mals ins Haus. Und er gehört auch nicht zu denen, die ihren Besitz daheim bun­kern und nie­man­dem zei­gen: »Kunst wird erst durch den Betrach­ter zur Kunst. Vor­her ist sie ledig­lich Material.«

Wilhelm Schürmann im LuFo

Eben­so akri­bisch wie er sich vor dem Erwerb eines Werks mit dem­sel­ben aus­ein­an­der­setzt, ist er auch an die Kon­zep­ti­on von »Le Souf­fleur« her­an­ge­gan­gen. Dank sei­ner umfas­sen­den Kennt­nis­se hat er es schon bei frü­he­ren Aus­stel­lun­gen sei­ner Samm­lung, etwa in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len, in der Düs­sel­dor­fer Kunst­samm­lung NRW oder in den Ber­li­ner Kunst­sae­len, aufs Meis­ter­lichs­te ver­stan­den, Bil­der zu neu­en, fri­schen Kon­tex­ten zusam­men­zu­fü­gen, Prä­sen­ta­ti­ons­ge­wohn­hei­ten zu durch­bre­chen. Unprä­ten­ti­ös ist sei­ne Her­an­ge­hens­wei­se, spie­le­risch, stel­len­wei­se äußerst humor­voll. Mit der Samm­lung Lud­wig hat er nun noch etli­che wei­te­re Varia­ti­ons­mög­lich­kei­ten hin­zu­ge­won­nen. Und mit ins­ge­samt 15 Räu­men – die Aus­stel­lung umfasst wei­te Tei­le des Erd­ge­schos­ses im Lud­wig Forum – steht ihm eine gera­de­zu rie­si­ge Spiel­wie­se zur Ver­fü­gung. Auf Papier hat er deren Wän­de in gleich meh­re­ren Ver­sio­nen nach­ge­baut, die poten­ti­el­le Behän­gung maß­stabs­ge­treu vor­weg­ge­nom­men, um ein Gefühl für die Wege und das Raum­vo­lu­men zu gewin­nen. Nur was Schür­mann beim Neben­ein­an­der­hal­ten der Blät­ter über­zeug­te, hat­te über­haupt eine Chan­ce, bei »Le Souf­fleur« dabei zu sein. Auch wenn ihm immer noch neue Ideen in den Kopf schie­ßen, steht das grund­sätz­li­che Aus­stel­lungs­kon­zept. Auf der Ziel­ge­ra­den wer­den nur noch die Fein­ein­stel­lun­gen justiert.

Heu­te so, mor­gen so Durch Wech­sel der Kunst­wer­ke und Umge­stal­tung könn­te »Le Souf­fleur« auch noch wäh­rend des lau­fen­den Betriebs in Bewe­gung blei­ben. Zumin­dest spielt Wil­helm Schür­mann mit dem Gedanken.

Schon jetzt ist klar, dass es sich für Besu­cher loh­nen wird, Zeit mit­zu­brin­gen. Das ist nicht allei­ne der Grö­ße der Aus­stel­lung geschul­det. Wil­helm Schür­mann prä­sen­tiert den Kon­text sei­ner Zusam­men­stel­lun­gen nicht auf dem Sil­ber­ta­blett. »Ich tei­le nicht die pes­si­mis­ti­sche Ansicht, dass Kunst Men­schen leicht über­for­dert. Und ich glau­be zudem, dass eine Aus­stel­lung, die sagt ›hier Gemäl­de, dort Instal­la­tio­nen, dort Fotos‹, heu­te nicht mehr zu ver­mit­teln ist.« Medi­en­über­grei­fend lädt er die Besu­cher ein, sich mit sei­ner Samm­lung und der der Lud­wigs, vor allem aber mit deren Begeg­nung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Denn Kunst, und das ist Wil­helm Schür­mann beson­ders wich­tig, ist nach sei­ner Ansicht nicht nur für Exper­ten: »Jeder kann und soll­te sich auf Kunst­wer­ke ein­las­sen. Es geht nicht dar­um, etwas zu ver­ste­hen. Es gibt näm­lich nichts zu ver­ste­hen, nur zu begreifen.«

Wilhelm SchürmannUnd dann macht er sich doch noch auf den Weg zu den ange­lie­fer­ten Kis­ten und Bil­dern. Die Vor­freu­de steht ihm ins Gesicht geschrie­ben – und eine posi­ti­ve Art von Unge­duld, die auch durch Oran­gen­saft nicht zu brem­sen ist.

Ursprüng­lich erschien die­ser Arti­kel in der März-Aus­ga­be des Aache­ner Stadt­ma­ga­zins »Klen­kes«.

3 Kommentare zu “Sammler Wilhelm Schürmann: Der Kunstflüsterer”

  1. Hal­lo fan­de Sehr span­nend und total inter­es­sant. Ich habe in mei­nem Besitz einer Gemäl­de von Wil­helm Schür­mann von 1928–1929 Bin aber mir nicht sicher. Ist schwer zu ent­zif­fern die Signa­tur. Daß Gemäl­de ist auf Holz. Die Fra­ge wäre wo könn­te ich Fotos schi­cken um zu bestä­ti­gen ob es wirk­lich von die­sem wun­der­ba­ren Künst­ler erstan­den ist. Über Rück­mel­dung wür­de mich freuen.
    Mit freund­li­chen Grü­ßen Kris­ti­ne Rosenbaum

    1. Hal­lo Kris­ti­ne, vie­len Dank für Dei­ne posi­ti­ve Rück­mel­dung zu mei­nem Arti­kel. Ich fürch­te aller­dings, ich wer­de Dir bei Dei­nem Anlie­gen nicht son­der­lich hel­fen können.

      Der Wil­helm Schür­mann, über den ich hier geschrie­ben habe, ist Foto­graf und Jahr­gang 1946. Von ihm kann das Gemäl­de aus dem Jahr 1928 dem­nach nicht stam­men. Über einen Maler Wil­helm Schür­mann weiß ich lei­der nichts, wes­we­gen ich auch nicht sagen könn­te, wer die Echt­heit Dei­nes Bil­des über­prü­fen könn­te. Sorry …

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