Musik in 1.000 Zeichen: Have You Ever Seen the Jane Fonda Aerobic VHS? – »Jazzbelle 1984 / 1988«

Have You Ever Seen the Jane Fonda VHS - Jazzbelle 1984 / 1988

Diese Band ist auf so vielen Ebenen außergewöhnlich, dass man gar nicht weiß, wo man mit der Aufzählung anfangen soll. Vielleicht beim Offensichtlichsten: Der Name dieses Trios aus dem finnischen Kouvola sprengt mindestens übliche Konzertplakat-Formate – und bleibt bei aller Länge richtig gut hängen.

Genau wie die Musik, die eigentlich das sogar noch größere Alleinstellungsmerkmal ist. Have You Ever Seen the Jane Fonda Aerobic VHS? lassen einfach das Instrument weg, das sonst in Punk und Garage einen Stammplatz hat. Die Gitarre wird weitestgehend durch teils herrlich trashig quietschende Casio-Keyboards und Akkordeon-Riffs ersetzt. Falls diese Beschreibung nach Folklore klingen sollte: Nein, nicht vom Reinhören abhalten lassen.

Auch ohne Sechssaiter besteht »Jazzbelle 1984 / 1988« [Affiliate Link] aus grandios knackigen Uptempo-mit-Melodie-Schmankerln mit Ballerbuden-Schlagzeug, Rumpelbass und eben Quietschkommoden. Und ganz ab und zu einer Gitarre, die das Gesamtbild dann auch nicht so richtig stört. Auf wilde Art schön.

Wie das Ganze dann in der Praxis klingt, kann man auf dem Soundcloud-Kanal ihres Labels VILD nachhören. Zum Beispiel anhand von »Bambi Act« vom aktuellen Album:

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Musik in 1.000 Zeichen: Good Weather For An Airstrike – »Little Steps«

Good Weather For An Airstrike - Little Steps

Manchmal lässt das Quälende am Ende Schönes entstehen: Ein Jahrzehnt ist es her, dass der Brite Tom Honey seinem ständig vorhandenen Tinnitus mittels selbst verfasster Musik endlich Einhalt gebieten wollte. Aus diesem Vorhaben entspann sich das Ein-Mann-Projekt Good Weather For An Airstrike, unter dessen Fahne Honey seit dem Jahr 2009 einen Hybrid aus Ambient und Postrock veröffentlicht.

Und als neuestes Werk reiht sich »Little Steps« [Affiliate Link] weitestgehend nahtlos in das Gesamt-Œuvre. Medidativ-melancholisch kommt die Grundstimmung der insgesamt zehn Stücke daher. Klang gewordene Sehnsuchts-Lyrik. Aus hallenden Gitarren, Synthesizerklängen, gehauchten Klaviertönen und gesampelten Naturgeräuschen baut Tom Honey einfühlsam Klanglandschaften, die den Hörer sanft abholen und ganz ruhig werden lassen.

Fast hypnotisch wirken die Melodien besonders dann, wenn man sie sich über Kopfhörer in abgedunkelten Räumen gibt. In diesem Setting fühlt man auch die positiven Momente nahezu körperlich, die die Melancholie an manchen Stellen durchbrechen – in Summe deutlicher als auf jedem Werk zuvor. Die namensgebenden kleinen Schritte führen also nach oben.

Auf seiner Bandcasmpseite präsentiert Tom Honey sein neuestes Album unter anderem zum Anhören.

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1900 Meisterwerke: Alemannia-Fanzine (endlich) im Bewegtbild

In der Pratsch, Ausgabe 20, Seite 58

In der Pratsch 20, TitelseiteNeulich haben wir nochmal eins gemacht. Kurz vor Weihnachten ist Ausgabe Nummer 20 unseres »unabhängigen Magazins für abhängige Alemannen« erschienen. Wobei Weihnachten bei der Wahl des Termins eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Ausschlaggebend sollte eigentlich der Zeitpunkt »kurz vor dem letzten Heimspiel des Jahres« sein. Das letzte Heimspiel im Jahr 2017 ist dann aber ausgefallen. Eine grobe Angabe zu den Inhalten, die im Heft zu finden sind, haben wir drüben auf der Pratsch-Seite selbst gemacht. Neben den dort erwähnten größeren Themen haben wir auch den üblichen Kleinkram zusammengetragen, der sich seit dem letzten Heft an Ideen und Alemannia-Betrachtungen so angesammelt hat. Und wie beim Vorgänger rundet eine Hommage an ein längst vergangenes Fernsehformat die letzte Seite ab. Statt 1.000 sind es bei uns jedoch 1900 Meisterwerke – bewusst ohne Punkt. Weiterer Unterschied: Wir besprechen Fotografien statt Gemälden. Aber ansonsten ähneln sich Vorlage und Adaption wie ein Ei dem anderen.

»Momentemal«, kam uns dann rund um die Feiertage in den Sinn, »wenn das doch ein Fernsehformat war, dann könnten wir doch auch …«. Ja, haben wir dann auch. Und darum gibt es jetzt unsere letzte Seite (wenn man die abschließenden beiden Werbungen nicht mitrechnet) im quasi bewegten Bild. Es spricht: Der Autor der bewegenden Zeilen höchst selbst. Nein, das bin nicht ich. Enjoy.

Musik in 1.000 Zeichen: Hüsker Dü – »Savage Young Dü«

Hüsker Dü - Savage Young Dü

Da haben sie also wieder zugeschlagen, die Musik-Archäologen von der Numero Group. Eigentlich im Soul beheimatet, hat das Label vor einigen Jahren damit begonnen, fast verschüttete Gitarrenmusik liebevoll aufzubereiten und dem geneigten Publikum aufs Edelste zu servieren. Slow- und Posthardcorer wie Codeine, Bedhead oder Unwound kamen schon in den Genuss einer Numero-Wellness-Kur.

Jetzt hat es mit Hüsker Dü eine der einflussreichsten amerikanischen Punkbands der 80er-Jahre »erwischt«. Während deren spätere Werke unbestritten Blaupausen für Grunge, Emo und sonstige Nachfahren waren, litt das Frühwerk doch arg unter seinem schlechten Klang. Ewig lang hat die Numero Group um die Rechte an den frühen Songs gebuhlt, dann alles neu gemastert und das Ergebnis in eine liebevoll gestaltete Box gepackt. »Savage Young Dü« [Affiliate Link] ist ein 69 Songs währender Zungenschnalzer nicht nur für Hüsker-Dü-Fans.

Man kann den jungen Bob Mould und Grant Hart dabei zuhören, wie sie ihre späteren Songwriterqualitäten finden und sukzessive verfeinern, wie sie den Klang entwickeln, der kurz darauf die Gitarrenwelt verändern sollte. Schade, dass Hart diese späte Ehrung ihrer frühen Jahre nicht mehr erleben kann. Er verstarb im September.

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Musik in 1.000 Zeichen: Quicksand – »Interiors«

Quicksand - Interiors

Gerade einmal zwei Alben hatten Quicksand bislang in ihrer Vita stehen. Die letzte der beiden, »Manic Compression«, ist schon sagenhafte 22 Jahre alt. Und gilt immer noch als eines der Standardwerke in Sachen Posthardcore – wie überhaupt auch die Band selbst von ungefähr jedem in diesem Bereich relevanten Künstler als Inspiration genannt wird.

Wie gestaltet man da das erste Album nach dem mittlerweile zweiten Comeback und über zwei Jahrzehnten? In diesem Fall nehmen Walter Schreifels und die Seinen den damaligen Faden auf und spinnen ihn weiter. Bedeutet: »Interiors« [Affiliate Link] lebt auch von diesen leicht metallisch klingenden, dichten Gitarren, dem brachialen Schlagzeug und dem tighten Bass wie seine beiden Vorgänger.

Dennoch verweben Quicksand den alten Faden auch mit Neuem, mit dem, was die Bandmitglieder in der Zwischenzeit an musikalischen Einflüssen aufgesogen oder gleich selbst produziert haben. Das sind zum Teil auch sanfte, melodiebetonte Töne. Oder shoegazig Vernebeltes. Alles, ohne Quicksand die Schärfe und den Trademark-Sound zu nehmen. Konsequente Weiterentwicklung einer klanglichen Institution.

»Interiors« kann man auf der Bandcampseite von Quicksand unter anderem anhören. Viel Vergnügen.

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Musik in 1.000 Zeichen: Neufundland – »Wir Werden Niemals Fertig Sein«

Neufundland - Wir Werden Niemals Fertig Sein

Neufundland kommen aus Köln, veröffentlichen gerade das erste Album und versprechen mit dessen Titel gleich einmal, sobald nicht wieder aufhören zu wollen. Und man sollte es tatsächlich als Versprechen statt als Drohung verstehen. Denn »Wir Werden Niemals Fertig Sein« [Affiliate Link] ist eines dieser Debüts, das einen gespannt zurücklässt.

Was mag mit dieser Band noch passieren, wenn sie gleich zum Start von mitreißend tanzbarer Indienummer bis wunderbar unpeinlicher Ballade etliche musikalische Darstellungsformen aufs Feinste durchspielt? Metaphernreich erzählen Neufundland ihre Geschichten, suchen oftmals die direkte Ansprache, ohne dabei in irgendwelche Pathos- oder Gruselreimfallen zu tappen – eine gerade im Deutschen gar nicht mal so einfache Disziplin, wie es mit Blick auf allzu viele Veröffentlichungen hierzulande scheint.

Dieses Album jedenfalls hebt sich angenehm vom Durchschnitt ab, verbindet Liedermacher-Pop mit dominant wummerndem Bass, Elektronikgrundgefühl mit Gitarrenfills, 90er-Schraddelei mit vertrackter Rhythmik, Bilderbuch mit den Sternen. Sie werden niemals fertig sein. Denn es bleibt nur, was sich lohnt.

Zum Beispiel »Alles Was Bleibt«, der Opener des Debüts:

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Musik in 1.000 Zeichen: Dictaphone – »Apr 70«

Dictaphone - Apr 70

Fünf Jahre lang war es still um Dictaphone. Man kann nicht wirklich behaupten, dass es mit dem ersten Lebenszeichen seit einem halben Jahrzehnt wesentlich lauter um das Berliner Trio würde, das wieder einmal eine Vielzahl an Instrumenten bei der Produktion miteinbezogen hat.

Anmutig schieben sich Klangschichten von Elektronik, Bass, Saxophon, Klarinette, Geige oder Quintone übereinander, um auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren, gemeinsam nahezu durchscheinende, ebenso fragile wie bewegende Schönheit zu schaffen. Kaum einmal ein Moment, an dem einer der Klänge die Oberhand über die anderen gewinnt. Das Ergebnis dieser urdemokratischen Soundkreation ist ein ständiges Flirren, das sich in aller Ruhe ausbreitet und dabei jegliche Hektik im Keim erstickt.

Langsam entwickeln sich die insgesamt neun Nummern, mäandern minutenlang dahin, bevor sie nahtlos ineinander übergehen. Einmal mehr werden Dictaphone mit »Apr 70« [Affiliate Link] dem eigenen Anspruch gerecht, Musik zu kreieren, die es so noch nie gegeben hat – diesmal auf düster-hypnotische Art.

Auf der Bandcampseite von Dictaphone kann man Teile von »Apr 70« anhören und das gesamte Album erstehen. Zum Beispiel »105.4«:

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