Musik in 1.000 Zeichen: Karies – »Alice«

Karies - Alice

Keine Frage, auch auf dem dritten Album der Bandgeschichte fräsen sich Karies tief in die Gehörgänge und den Zahnschmelz der geneigten Zuhörer. Doch irgendwas ist anders bei »Alice« [Partnerlink]. Geradezu poppig kommt schon das Cover daher.

Und dann die Musik: Zwischendurch entwickeln die Klänge eine fast schon schmeichelnde Melodiösität, eine alles andere als subtile Schönheit. Ein bislang ungekanntes Maß an Buntheit. Wo sind sie denn hin, die Düsternis und der Schwermut der ersten beiden Platten? Gänzlich verschwunden sind die beiden vormaligen Karies-Grundeinstellungen nicht. Bei der Beschäftigung mit den Texten, knallen sie einem links und rechts um die Ohren. Nach wie vor hagelt es Dystopisches und Skurriles, schräge Bilder und kryptische Anspielungen.

Letztlich tropfen dann doch etliche klangliche Entsprechungen dieser Dunkelpoesie zwischen den gefälligeren Passagen hindurch – wenn die Gitarren aufeinander einkreischen, wenn das Schlagzeug treibt und der Bass wummert. Dann fließen sie ineinander, die Vergangenheit und Zukunft dieser wundervollen Band. Groß!

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Musik in 1.000 Zeichen: Muncie Girls – »Fixed Ideals«

Muncie Girls - Fixed Ideals

Lande Hekt hat ein unglaubliches Händchen dafür, sehr persönliche Texte zu schreiben, die dennoch alle Zuhörerinnen und Zuhörer gleichermaßen abholen. Schon auf dem Debüt ihrer Band Muncie Girls hatte Hekt mittels kleiner Alltagsgeschichten große, für alle nachvollziehbare Statements abgegeben.

Auf »Fixed Ideals« [Partnerlink] hält sie das nicht anders. Was jedoch leicht anders daherkommt, ist der musikalische Teppich, den die Band aus Exeter ihrer Frontfrau unter die Lyrics legt. Vom Grundgefühl ist das Ganze natürlich immer noch Punk, aber die Muncie Girls haben inzwischen offensichtlich an der virtuosen Handhabung ihrer Instrumente gefeilt. Was bei Platte Nummer Eins noch roh, wild und ungestüm daherkam, hat auf Platte Nummer Zwei immer wieder deutlich erkennbar System.

Die Songs sind durch die Bank feiner ausformuliert, durchdachter, handwerklich sauberer, ohne dabei die grundsätzliche Energie zu verlieren. Früher vor allem aus dem Bauch, entsteht diese Musik nun also auch mit Köpfchen – für die Texte galt das ja immer schon.

Auf der Bandcampseite der Muncie Girls besteht die Möglichkeit, »Fixed Ideals« anzuhören und bei Gefallen zu erwerben.

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Musik in 1.000 Zeichen: Adam Angst – »Neintology«

Adam Angst - Neintology

Halleluja, diese Band ist aber mal richtig auf Krawall gebürstet. Oder besser: auf Konfrontation. In einem elf Songs währenden Rundumschlag nageln Adam Angst alles an die Wand, was ihnen an unserer durchkommerzialisierten, hypertechnisierten, postfaktischen, filterbubbligen Gegenwart auf den Sack geht.

Nach kurzem Industrial-Instrumental-Intro geht es direkt mal etwa 80 Prozent der Bands an den Kragen, die heutzutage völlig durchgestylt, uniform und vor allem ohne Haltung unter dem Label »Punk« firmieren – textlich, natürlich, mit 08/15-Akkorden und »Ohoho«-Klischee-Chören aber auch in Form einer klanglichen Persiflage. Und danach bleiben Adam Angst einfach auf dem einmal eingeschlagenen Weg des garantiert nicht geringsten Widerstands. Otto Normalurlauber mit seiner Hauptsache-deutsch-Doppelmoral, Otto Normalsmarthomer mit seinem blinden Vertrauen in die Technik, Otto Normalfakenewskonsument mit seinem leeren Blick: Ihnen allen wird auf »Neintology« [Partnerlink] der Finger mit Schmackes in die Wunde gelegt.

Mit zu Uptempo-Musik geronnenem Zorn und mit Texten, die fast immer auf gleich mehreren Ebenen den Kern treffen. Die dabei immer wieder klarmachen, dass jede unserer Handlungen Konsequenzen nach sich zieht, dass wir die Welt da draußen mit unserem Tun maßgeblich mitgestalten. Starke Botschaft, starke Platte.

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Musik in 1.000 Zeichen: Paul Weller – »True Meanings«

Paul Weller - True Meanings

Wenn man beim Hören einer Platte gar nicht merkt, dass man sich dank automatischer Wiederholung längst schon wieder bei den ersten Titeln befindet: Ist diese Platte dann besonders eintönig oder besonders eingängig? Ja, bei der Auseinandersetzung mit Paul Wellers jüngstem Werk ließe sich diese semi-philosophische Frage trefflich diskutieren. Anfang, Mitte und Ende gehen auf »True Meanings« [Partnerlink] wohlklingend und vor allem fließend ineinander über.

Deutlich gewinnbringender als jede Diskussion ist jedoch die Option, sich einfach still zurückzulehnen und das bislang ruhigste Albums des Modfathers tief einzusaugen – zählt man denn das kurz nach der Jahrtausendwende erschienene Unplugged-Album »Days Of Speed« nicht mit. Einzig mit der Akustikgitarre trägt Weller einmal mehr Songs zusammen, die bei aller Unbritpoppigkeit dennoch kaum welleresker klingen könnten. Große Melodien, mitreißende Harmonien und bis ins Kleinste fein ausformulierte Arrangements, die immer wieder Cello, Mellotron oder Sitar zur Unterstützung von Gitarre und Stimme bitten – einer Stimme, die diesmal vor allem ihre unkantige Seite zeigt.

Alles klingt, nichts kratzt auf diesem sehr herbstlich anmutenden Album eines langsam in den Herbst kommenden großen Künstlers. Klarer Fall, also: Eingängig!

Zur Entstehung des Albums hat Paul Weller neulich dieses knapp viertelstündige Video veröffentlicht:

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Musik in 1.000 Zeichen: Smokescreens – »Used To Yesterday«

Smokescreens - Used To Yesterday

Das ist aber eine schöne Überraschung. Gut ein Jahr nach ihrem Debüt präsentieren die Smokescreens mit dessen Nachfolger das Ergebnis einer wirklich grandiosen Entwicklung.

Seinerzeit irgendwo zwischen »nett« und »ziemlich okay« liegend, haben die weiterhin aus der Feder der beiden Hauptbandmitglieder Chris Rosi und Corey Cunningham stammenden Songs auf »Used To Yesterday« deutlich an Reife zugelegt. Durch Drummer Brice Bradley und Bassistin Jenny Moffett zum Quartett erstarkt, bewerfen die Smokescreens ihr Publikum mit haufenweise feinen Melodien, mit mitreißender Rhythmik, catchy Hooklines und ebenso einfachen wie cleveren Arrangements. Insgesamt ergibt das eine halbe Stunde brillanten Indie Pops mit dreampoppigem Hall und wavigen Abgründen.

An etlichen Ecken klingen die vier auf »Used To Yesterday« [Partnerlink] nach den düsteren Geschwistern von Belle & Sebastian, nach der eher bittersüßen Version von Schönheit. Und dieses Bittersüße steht der Band aus LA tatsächlich ganz hervorragend. Klanglich perfekt für einen nahtlosen Sommer-Herbst-Übergang.

Auf ihrer Bandcamp-Seite bieten die Smokescreens »Used To Yesterday« unter anderem zum Anhören an.

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Musik in 1.000 Zeichen: Deafheaven – »Ordinary Corrupt Human Love«

Deafheaven - Ordinary Corrupt Human Love

Derart romantisch und sonnig ist Black Metal noch nie in eine Platte gewoben worden. Bislang hatten Deafheaven den düster moshenden Teil ihrer Musik zumeist mit nicht minder düsteren, atmosphärisch dichten Klanglandschaften ummantelt, mit einer eher schweren Mischung aus Postrock und Shoegaze. Diesmal kommt das Drumherum ein gutes Stück lichter daher.

Gleich zu Beginn fühlt man sich in eine Pop-Ballade der 70er entführt, ehe das dumpfe Grollen von Sänger George Clarke und die Double-Bass des Schlagzeugs wie aus dem Nichts zuschlagen. Deafheaven präsentieren auf »Ordinary Corrupt Human Love« [Partnerlink] eine Offenheit gegenüber anderen musikalischen Welten, die die vorherigen Alben in dieser Hinsicht noch einmal toppt. Es gibt de facto keine Berührungsängste mehr, wenn da plötzlich eine weibliche Stimme warm und weich mitsingt und ein Flügel in den ruhigen Passagen den Ton angibt. Alles geht, solange es den Song nach vorne bringt.

Und so verbindet dieses Album Melodie mit Dynamik, Songwriting mit herrlich wildem Geballer. Der Vorgänger »Sunbather« schürte die Vermutung, es ginge nicht besser. Nun sind wir schlauer.

Deafheaven bieten »Ordinary Corrupt Human Love« unter anderem auf ihrer Bandcamp-Seite an – einfach mal reinhören.

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Musik in 1.000 Zeichen: The Spitfires – »Year Zero«

The Spitfires - Year Zero

Diese Herren bleiben auch auf ihrem dritten Album ein Band gewordener Ritt durch die popsubkulturelle Historie des Vereinigten Königreichs. »Year Zero« [Partnerlink] hat den Ska der späten 70er, den späten Punk der frühen 80er und Paul-Wellereskes aus allen Schaffensphasen des Modfathers.

Britisch-karibische Rhythmik der Specials, die Gitarren von The Clash und soulige Bläsereinsprengsel à la Style Council: Hin und wieder laufen diese unüberhörbaren Einflüsse bei den Spitfires in einem Lied zusammen, zumeist bleiben sie songweise jedoch strikt voneinander getrennt. So klingt die Platte von Track zu Track immer ein wenig anders – das verbindende Element bleibt vor allem das Gefühl, es hier mit vier überaus smarten Typen zu tun zu haben, die Zorn und Unverständnis beim Blick auf den Status Quo Englands in feine Musik und clevere Texte verwandeln.

Und auch das passt hervorragend in diese klingende UK-Subkultur-Geschichtsstunde. Schon immer war Working-Class-Wut eine gute Triebfeder für Wohlklingendes von der Insel. Das bleibt auch im Jahr 2018 so.

So klingt beispielsweise die Ska-Seite der Geschichte. »Remains The Same« ist eine Auskopplung des Albums:

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