Charles Bradley: Endlich Zahltag!

Ultimo 13-16, Seite 20

Die Soul-Version der Tellerwäscher-Millionär-Geschichte: Früher einmal Koch, ist Charles Bradley heute ein Star, eine unglaubliche Rampensau und am 12. Juli live in Münster.

Mach immer weiter! Irgendwann kommt der Moment, in dem sich all Deine Mühen gelohnt haben werden. Klar, diese Sätze könnten ohne weiteres aus dem Tagebuch von Olli Kahn stammen. Mindestens ebenso klar und ohne weiteres fassen sie aber auch die Lebensgeschichte eines anderen Niemals-Aufgebers zusammen. Seit rund fünf Jahren erntet Charles Bradley, was er in den Jahrzehnten zuvor gesät hat.

Die ersten fast 50 Jahre seines Lebens hat es im Grunde zwei verschiedene Charles Bradleys gegeben: hier der ohne Vater aufgewachsene Überlebenskämpfer, der obdachlose Jugendliche, den ein Hilfsprogramm von der Straße holt und zum Koch ausbildet, der Streuner und Gelegenheitsarbeiter; dort der Musikliebhaber mit der großartigen Stimme und der Riesenportion Feuer im Hintern, der im Alter von 14 mit seiner Schwester ein Konzert von James Brown besucht und sofort für den Soul entflammt, der über die Jahrzehnte in etlichen Bands singt, der in Soul-Shows den James Brown mimt, weil er nicht nur klingt wie der King of Soul, sondern auch so tanzt, der es trotz dieser Talente aber allenfalls zu lokalem Ruhm am jeweils aktuellen Wohnort bringt – mal in Kalifornien, mal in seiner Heimat Brooklyn. Ein Riesentalent, für immer gefangen in einem allzu engen Netz namens Leben. Bis, ja bis Ende der 1990er-Jahre er dann plötzlich doch noch kommt, dieser Moment, der alle bisherigen Mühen belohnt. Bradley wird entdeckt.

Dass ihre Neuentdeckung zu diesem Zeitpunkt schon um die 50 ist, stört die Leute bei Daptone Records nicht. Ganz im Gegenteil: Das kleine Label aus Brooklyn hat sich auf die Fahne geschrieben, den Soul der 60er und 70er zurück aus der Versenkung zu holen. Charles Bradley passt ihnen dabei hervorragend ins Konzept: Er hat den Soul und er hat den Soul in der guten, alten Zeit passenderweise miterlebt. Authentischer kann es kaum noch werden. Andersherum bietet das Label ihm die Möglichkeit, von den Bühnen kleiner Bars endlich in ein Plattenstudio wechseln zu können. Und danach auf größere Bühnen. Klassische Win-Win-Geschichte: Mit Bradley und Daptone haben sich zwei gesucht und gefunden. Von den beiden Charles Bradleys bleibt fortan nur noch einer übrig – der Musiker und noch nicht ganz Star.

In den ersten Jahren nimmt er ein paar Singles für Daptone auf, allesamt mitreißende Stücke, die er mit tollen Musikern einspielt. Aber eben Singles – 45 Umdrehungen pro Minute und nach spätestens vier Minuten bist Du wieder raus aus dem Ohr. Bis zum ersten Album vergeht noch ein weiteres Jahrzehnt. »No Time For Dreaming« erscheint im Jahr 2011. Charles Bradley ist 62 Jahre alt und anders als der Titel seines Debüts suggeriert ist für ihn die Zeit des Träumens angebrochen. Oder besser: die Zeit, in der Träume wahr werden.

Die Platte geht durch die Decke und aus dem einstmals zweigeteilten Charles Bradley wird »The Screaming Eagle Of Soul«. Endlich Star. Seither geht es für ihn nur noch bergauf. Die Nachfolgealben »Victim Of Love« [Affiliate Link] und »Changes« werden den Plattenhändlern ebenfalls aus den Händen gerissen. Die Tourneen füllen immer größere Hallen. Und überhaupt liebt die ganze Welt Charles Bradley – ein Stück weit sicher auch wegen seiner bewegenden Variante der klassischen Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, vor allem aber wegen seiner grandiosen Art auf und neben der Bühne.

Foto: Cortney Armitage
Foto: Cortney Armitage

Sein später Wandel zum Star ist ihm keineswegs zu Kopf gestiegen. Bodenständig und erdig präsentiert sich Bradley in Gesprächen, voller Dankbarkeit und Demut in seinen Ansagen zwischen den Songs. »Ihr«, so lässt er sein Publikum gerne wissen, »seid diejenigen, die mir dieses neue Leben ermöglichen. Dafür möchte ich Euch gerne etwas zurückgeben.« Und schon beim nächsten, wie überhaupt bei jedem Song ist Zahltag.

Sobald der Takt angezählt ist, verwandelt sich Charles Bradley in eine unfassbare Rampensau. Er schüttelt alles, was er hat, schnappt sich den Groove, den seine »eigentlich viel zu gut, um einfach nur Begleitband genannt zu werden«-Begleitband Extraordinaires vorgibt, tanzt ihn den Leuten vor der Bühne ins Gesicht und als wenn das nicht schon schön genug wäre, holt er auch noch für jede zu singende Zeile einen Knaller von Reibeisenstimme raus. Un. Fass. Bar.

Es hat wirklich lange gedauert. Aber mit mittlerweile 67 Jahren ist dieses Naturereignis von einem Entertainer endlich dort angelangt, wo es hingehört: ganz oben auf dem Soul-Olymp, in einem Atemzug genannt mit James Brown, Otis Redding oder Eddie Floyd. Und live ist Charles Bradley die Deluxe-Variante von »dem Publikum etwas zurückgeben«, die man sich mindestens einmal im Leben gegeben haben sollte. Demnächst gäbe es dazu in Münster die Gelegenheit.

Dieser Konzerthinweis erschien in leicht gekürzter Version in Ausgabe 13/16 des Münsteraner Stadtmagazins »Ultimo«. Das Foto von Charles Bradley entstammt dem Pressematerial seiner Webseite.

Der Titelsong seines aktuellen Albums, ein Black-Sabbath-Cover, klingt zum Beispiel so:

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