Sonja Mischor: Grenzenlos kreativ

Sonja Mischor und ihre singende Säge

»Mach all die Dinge, die Dir liegen oder zufliegen«, sagt Sonja Mischor. Und weil sich die Wahl-Aachenerin beim Verfolgen dieser Idee völlige Freiheit gönnt, spielt sie Musik von Experimentellem bis Jazz und ist Performance-Künstlerin.

Noch einmal lächelt Sonja Mischor, dann verschwindet sie kurz. Den Raum muss sie dazu nicht einmal verlassen. Alles, was sie für ihre kleine Reise braucht, ist ein Instrument. In dem Moment, in dem sie die singende Säge mit ihren Beinen spannt, versinkt sie ein Stück weit. Und während der Geigenbogen in ihrer rechten Hand dem Metall sirrende Töne entlockt, ist sie plötzlich ganz bei sich. Ihre linke Hand bestimmt durch Biegen des Blatts die Höhe der Klänge. Ein wenig Vorsicht ist dabei geboten. Das hier ist ein echtes Werkzeug. Die Zähne der Säge hätten in der Tat das Zeug, einen Baum zu fällen. Dass Sonja Mischor derart konzentriert zu Werke geht, liegt jedoch nur zu einem geringen Teil an irgendwelchen Sicherheitsgedanken. Hauptsächlich ist es die Musik, von der sie völlig eingesogen wird. Erst als der Bogen steht und das kontinuierliche Flirren aufhört, ist sie wieder da. Und lächelt.

Ehrgeiz, Etüden und Experimentelles

Außergewöhnliche Instrumente wie die singende Säge, Kompositionen jenseits üblicher Liedstrukturen, freie Improvisation statt starrem Korsett: Sonja Mischor ist eine Musikerin, die sich in ihrem Schaffen nicht von irgendwelchen Grenzen oder Konventionen einzäunen lässt. Zu weit ist ihr musikalischer Horizont, zu groß ihr Drang, sich in immer neuen Formen auszudrücken. Schon in jungen Jahren ist sie in Berührung mit experimenteller Musik gekommen. Aufgewachsen in einem musikbegeisterten Elternhaus am Niederrhein, war eine Blockflöte ihr Einstieg ins Musizieren. Nachdem sie sich diese fast im Alleingang erschlossen hatte, stand ihr der Sinn schon bald nach einem Umstieg auf die Querflöte. Bis heute sind die Flöten ihr Hauptinstrument.

»Schon beim Aufstehen freute ich mich auf die Flöte«, erinnert sie sich. »Jeden Tag habe ich stundenlang gespielt. Ich wollte das Instrument und alles, was es kann, entdecken. Ist das nicht toll, wenn man als Kind etwas hat, das einem das Herz aufgehen lässt?« Ihre Lehrer bestärkten sie in diesem natürlichen Ehrgeiz. Zwar schränkte Querflötenlehrer Francisco Estevéz die Freiheit bisweilen durch qualvolles Etüdenüben ein. Quasi als Wiedergutmachung öffnete er seiner Schülerin aber auch erstmalig die Tür zu der bis dato unbekannten Klang- und Erlebniswelt der Neuen Musik, als sie mit ihm seine Kompositionen aufführen durfte. In Anbetracht der neuen Möglichkeiten, die sich dort boten, war Sonja Mischor tief beeindruckt. Mit gerade einmal 14 Jahren verfasste sie erste eigene experimentelle Kompositionen, die sie gemeinsam mit Estevéz auch schon vor Publikum präsentierte. Im selben Alter gehörte sie auf dem New Jazz Festival Moers zum Ensemble des Globe Unity Orchestra, spielte unter der Leitung von George Lewis mit großen Namen wie Gerd Dudek oder Kenny Wheeler. Das war im Jahr 1982.

klenkes NEO, Ausgabe 18, Seite 6

Was raus muss

Über drei Jahrzehnte später hat das Experimentieren mit Musik für Sonja Mischor nichts von seiner Faszination verloren. Ganz im Gegenteil: Das Musikmachen gerade im experimentellen Bereich, so sagt sie selbst, verschafft ihr nach wie vor ein wunderbares Gefühl von Freiheit. »Man kann alles an Emotionen und Empfindungen rauslassen, was raus muss, schräg sein, wegrennen, ein Unwetter entfesseln und sich auf die klare Luft nach dem Sturm freuen.« Ihr Instrumentarium für den Weg zu dieser Freiheit hat sich seit den Anfangstagen vervielfacht. Ab 1992 hat sie klassischen Gesang erlernt, das Basiswissen später durch Workshops in den Bereichen Obertongesang und Jazz erweitert. Darüber hinaus sind im Lauf der Jahre von verschiedenen Flöten bis zur Ukulele und dem Synthesizer zahlreiche Instrumente dazugekommen, mit deren Hilfe sie im Bedarfsfall einen Klangkosmos in allen Farben und Schattierungen aufspannen kann. Mit der Zeit hat Sonja Mischor ein Faible für kleine, außergewöhnliche Instrumente entwickelt. Die entsprechende Sammlung wächst stetig. Wieviele sie tatsächlich spielt, ist schwer zu ergründen. Zumal sie selbst lediglich zwei »richtige Instrumente« auf der Haben-Seite sieht. »Flöten und Gesang. Den Rest spiele ich halt nur so.« Bescheidenheit gehört fraglos zu Sonja Mischors Eigenschaften. Eine Bescheidenheit ohne jede Spur dieses anstrengend kokettierenden Understatements, das vielen Künstlern sonst zu eigen ist.

Tatsächlich sieht sie sich selbst nicht als eine dieser nach vorne preschenden Rampensäue. »Ich war als Kind sehr schüchtern, aber ich bin trotzdem damals schon gerne auf die Bühne gegangen. Und wenn ich jetzt da oben stehe, schaue ich, dass etwas Gutes dabei herauskommt.« Etwas Gutes ist für sie beispielsweise, wenn sie Musik teilen kann – mit dem Publikum, aber eben auch mit anderen Musikern. Gemeinsames Musikmachen mit Kolleginnen und Kollegen ist für sie ein sinnstiftender Bestandteil ihres Berufs. »Sicher ist es manchmal anstrengend, verschiedene Charaktere unter einen Hut zu bekommen. Aber wenn es passt und man zueinander findet, einander stützt, entsteht etwas Großartiges, das man nur im Kollektiv schaffen kann.«

Die ganze Fläche

Seit den 90er Jahren war und ist sie darum Teil und treibende Kraft zahlreicher Kooperationen, Kollaborationen oder Band-Projekte. Mit dem Adam Noidlt Intermission Orchestra aus Köln avancierte sie etwa zum musikalischen Stammgast im WDR-Fernsehen. Mit Teilen der Nina Hagen Band unternahm sie Filmvertonungen. Mit den Kolleginnen Sascha Ley und Kirsti Alho inszenierte sie einen rasanten Genremix zwischen Schauspiel und Musik. Mit Annalisa Derossi kreiert sie bis in die Gegenwart Klang- und Tanzperformance-Kunst. Schon diese Beispiele machen deutlich, dass Sonja Mischor keinerlei Berührungsängste mit anderen Kunstformen kennt. Natürlich nicht.

klenkes NEO, Ausgabe 18Schließlich ist sie in der Vergangenheit selbst auch in der bildenden Kunst tätig gewesen: Ihre Objekte und Licht-Klanginstallationen wurden in Aachen und Maastricht ausgestellt, in Basel, Brüssel, München und Stockholm. Das nötige Rüstzeug für diesen vermeintlich musikfreien Teil ihrer Laufbahn erhielt sie im Rahmen eines Objektdesignstudiums an der FH Aachen, für das sie Mitte der 90er Jahre in die Stadt kam und blieb. Vermeintlich? »Bei Ihnen ist wirklich alles musikalisch«, hat Professorin Christiane Maether ihr einmal versichert. Und wirklich trennen lassen sich Musik, bildende, aber auch darstellende Kunst für Sonja Mischor tatsächlich nicht. Konsequenterweise hat sie ihrem musikalischen Schaffen schon vor über einem Jahrzehnt eine theatrale Komponente hinzugefügt, ihre verschiedenen künstlerischen Zweige dabei unter einem Dach vereint: In ihren Performances laufen all die Ausdrucksformen zusammen, die sie im Lauf der Jahre für sich entdeckt hat. Sie komponiert und produziert nicht nur die Musik, sie entwirft und schneidert auch die Kostüme, gießt kleine Geschichten in poetische Texte, ersinnt die Choreographien und übernimmt den Schnitt der Videosequenzen, die ihre jeweilige Darbietung untermalen.

»Ich versuche immer, das Ganze zu sehen. Egal ob in der Kunst oder in der Musik.«

Sprache wird in diesem Kontext zu einem eigenständigen Instrument, zum Transportmittel für Gefühle. Hebräisch rückwärts live gesungen über elektronisch verfremdeten Aufnahmen in Dauerschleife oder zornige Entäußerungen in Spanisch über stumpfer Rhythmik: Wenn es thematisch passt, ist alles erlaubt. Da ist sie wieder, diese wundervolle Freiheit. Und wenn die anderen Dinge an der richtigen Stelle sitzen, kann auch Stille ein probates Mittel sein. »Gestaltet wird die ganze Fläche«, diesen Anspruch eines früheren Professors hat Sonja Mischor für das eigene Schaffen mitgenommen. »Das habe ich so verinnerlicht, dass ich immer versuche, das Ganze zu sehen. Egal ob in der Kunst oder bei der Musik.«

Augenzwinkernd herausgefordert

Das Zusammenspiel mit anderen fasziniert sie seit jeher aber auch in anderen musikalischen Genres. Ihre heimliche Leidenschaft gehört etwa dem Bossa Nova, den sie zusammen mit Heribert Leuchter und seiner Jazz Combo auf die Jazzbühne des Grenzlandtheater Aachen brachte. Oder ihre Zusammenarbeit mit dem Stefan Michalke Trio: »Ich hatte mich ein Jahr lang hingesetzt und 20 Jazz-Nummern mit dem Ziel komponiert, sie auf die Bühne zu bringen. Als ich die Stücke erstmals mit dem Michalke Trio aufführen durfte, war das ein riesiges Glücksgefühl. Die eigenen Stücke mit professionellen Musikern live zu spielen und zu erleben, bekommt noch einmal eine ganz andere Dimension.«

klenkes NEO, Ausgabe 18, Seite 8

In diesem Sinne fungiert sie zusammen mit dem Akkordeonisten He Joe Schenkelberg einmal im Quartal – jeweils am ersten Mittwoch des dritten Monats – als Gastgeberin der »Live Soirée« im Aachener Franz. Zu jeder Soirée begrüßen die beiden einen anderen Gast, um mit diesem den Abend musikalisch zu gestalten.

»Diese Abende sind immer eine tolle Gelegenheit, andere Musiker und deren künstlerische Ansätze kennenzulernen.« Sonja Mischor versteht das Ganze als Herausforderung, die alle Beteiligten professionell, aber eben auch nicht allzu bierernst annehmen. In immer neuen Musiker-Konstellationen entwickeln sich so außergewöhnliche, überraschende, augenzwinkernd improvisierte Versionen der jeweiligen Lieder, wie sie andernorts kaum entstehen könnten. Die Live Soirée im Franz hat sich über die Jahre zu einem festen Anlaufpunkt für Musikfreunde jeden Alters etabliert. Und sie ist ein weiterer Ausdruck der musikalischen Neugier, die Sonja Mischor aus ihrer Kindheit hinüber ins Erwachsenenalter gerettet hat.

Ursprünglich veröffentlicht wurde dieses Porträt in Ausgabe 18 der Aachener Stadtzeitung »klenkes NEO«.

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