Jonas Burgwinkel: And all that Jazz

Porträt Jonas Burgwinkel

Bei seinem Namen schnalzen Jazzkenner mit der Zunge. Die Fähigkeiten des gebürtigen Aacheners Jonas Burgwinkel am Schlagzeug haben sich längst in aller Welt herumgesprochen. Ein Hausbesuch in seiner Wahlheimat Köln.

»Ich habe früher eine ganze Menge Zeit in Kellern wie diesem verbracht.« Mit beiden Armen malt Jonas Burgwinkel eine ausholende Geste in die Luft. Über mehrere Treppen und durch einen Gewölbegang sind wir tief in das Innere eines Kölner Wohnhauses vorgedrungen. Wer vor dem Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hauptbahnhof und Musikhochschule steht, ahnt nicht, dass sich in dessen Keller der Proberaum eines der gefragtesten Jazzmusiker Deutschlands befindet. Wann immer es geht, sitzt Jonas Burgwinkel hier unten am Schlagzeug und feilt an seinem Spiel. Viel zu selten sei er zuletzt dazu gekommen, sagt er selbst.

Tempo und Entspannung

Vor zwei Tagen erst ist der 32-Jährige aus New York zurückgekommen, wo er eine Woche lang Konzerte gespielt hat. Morgen geht es nach München, übermorgen nach Bayreuth und am Tag danach in Richtung Newcastle. In der Zwischenzeit hat er ein wenig mit dem Jet Lag gekämpft, Wäsche gewaschen, Schlagzeugunterricht gegeben und mit sechs befreundeten Musikern die Gründung eines eigenen Plattenlabels gefeiert. Fürs Erste sollen auf KLAENG ausschließlich Alben erscheinen, auf denen mindestens einer der sieben Gründer zu hören ist. Maximale künstlerische Freiheit bis hin zur Covergestaltung lautet das Ziel. Weil sich Produktion, Vertrieb und Werbung aber nicht von selber regeln, hat Jonas Burgwinkel künftig ein paar Punkte mehr auf seiner ohnehin proppenvollen Aufgabenliste.

klenkes NEO, Ausgabe 13Denn er belässt es nicht dabei, Berufsmusiker und seit neuestem Labelbetreiber zu sein. Aktiv bringt er sich in die Jazzszene Kölns ein, organisiert beispielsweise Festivals und Konzerte – auch dies gemeinsam mit seinen sechs Freunden, auch dies unter dem Namen KLAENG. Seit Herbst 2011 hält Jonas Burgwinkel zudem eine Professur an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln inne, in deren Rahmen er die Hauptfachausbildung Schlagzeug übernimmt. Als das Gespräch auf seinen Lehrauftrag an der Musikhochschule kommt, wirkt er regelrecht überrascht von dem Tempo, das sein Leben vorlegt. Von der Tatsache, wie schnell die Zeit vergeht: »Das mache ich ja schon seit über zwei Jahren.«

Aktuell spielt er mit dem Gedanken, das Tempo ein wenig herauszunehmen, die To-Do-Liste abzuspecken. Etwa, indem er sich aus einigen der zehn Formationen zurückzieht, bei denen er derzeit am Schlagzeug sitzt. Immerhin hat er es sich mittlerweile angewöhnt, einmal im Jahr mit seiner Freundin in Urlaub zu fahren, um Entspannung zu finden. »In diesem Jahr geht es an die Westküste der USA. Und wie es aussieht wird das die erste Reise ohne eine Gelegenheit sein, irgendwo Schlagzeug zu spielen.«

Aus dem Unterbewusstsein

Was muss jemand mitbringen, der rund 150 Konzerte auf allen Kontinenten pro Jahr spielt und daneben noch verschiedene andere Rollen und Aufgaben erfüllt? Rastlosigkeit? Zu Jonas Burgwinkel will dieses Attribut so überhaupt nicht passen. Im Gespräch ist nicht zu merken, dass seine Zeit eigentlich knapp bemessen ist. Spürbar ruht er in sich, hört genau zu, lässt seinen Gedanken und Antworten Raum. Genau diese Fähigkeiten sind es, die ihn auch am Schlagzeug auszeichnen. Mit zahlreichen Größen der internationalen Jazzszene hat er im Lauf seiner bisherigen Karriere schon die Bühne geteilt. Immer hat er eine rhythmische Basis für die gemeinsame Musik gelegt und ist gleichzeitig ein innovativer Improvisationspartner auf Augenhöhe gewesen. Eben weil er Lee Konitz, John Scofield, Chris Potter und all den anderen so genau zuhört, ihre Ideen antizipiert und den eingeschlagenen Weg spontan mit-, manchmal auch schon vorausgeht.

»Beim Improvisieren kann nicht einfach jeder machen, was er gerade will.«

»Beim Improvisieren kann nicht einfach jeder machen, was er gerade will. Man muss aufeinander achten, weswegen Empathie für Jazzmusiker eine entscheidende Eigenschaft ist.« Ob die musikalische Chemie mit einem neuen Mitspieler stimmt, kann Jonas Burgwinkel inzwischen schon nach den ersten beiden Minuten sagen. »Im besten Fall kommt die Musik direkt aus dem Unterbewusstsein, so dass Du Dir selber beim Spielen zuhören kannst. Das ist der Idealzustand.«

Preisgekrönte Symbiose

Regelmäßig erreicht er diesen Idealzustand im Zusammenspiel mit zwei Musikern, die für ihn weit mehr sind als bloße Kollegen. Während des Studiums in Köln lernte er den Pianisten Pablo Held und den Bassisten Robert Landfermann kennen. Auch diese beiden gehören zum Kollektiv KLAENG und zu den Gründern des gleichnamigen Labels. Seit 2005 bilden Held, Landfermann und Burgwinkel das Pablo Held Trio, einen »symbiotischen Zusammenschluss bester Freunde«, wie Jonas Burgwinkel es formuliert. Von drei Ausnahmemusikern und Aushängeschildern einer jungen deutschen Jazzgeneration spricht die Fachpresse. Zahlreiche Preise, sowohl für das Trio als auch für dessen einzelne Mitglieder, unterstreichen die musikalische Bedeutung der Formation. Im kommenden Oktober wird das Pablo Held Trio seiner Sammlung mit dem SWR-Jazzpreis 2014 ein weiteres Exemplar hinzufügen können.

Shooting Jonas Burgwinkel

»Ich sage meinen Studenten immer, sie sollen sich vorstellen, wo sie in der Zukunft hinwollen. Alles, was ich mir damals vorgestellt habe, habe ich schon vor einiger Zeit erreicht.« Ein selbstzufriedenes Zurücklehnen kommt für Jonas Burgwinkel trotzdem nicht in Frage. Stetig trachtet er danach, besser zu werden. Im Vergleich zu Studientagen sucht er die Verbesserung allerdings auf anderen Ebenen. »Damals ging es darum, schneller oder präziser zu werden. Heute geht es mir um mein gesamtmusikalisches Verständnis und um eine Schärfung meines Gehörs.« Auch dabei findet er Unterstützung bei seinen Mitstreitern vom Trio. Sie tauschen sich in Gesprächen aus. Sie fordern sich bei Konzerten gegenseitig zu Neuem heraus. Sie wachsen an- und miteinander.

Zusätzlich verfügt Jonas Burgwinkel über die Gabe, sich selbst über potenzielle Leistungsgrenzen zu schubsen. Die Energie dazu zieht er aus dem Anspruch, den er an sich selbst hat. Und nicht zuletzt auch aus dem immensen Spaß, den ihm sein Beruf nach wie vor bereitet – voller Terminkalender hin, Jet Lag her. »Es kann schon einmal vorkommen, dass ich von einem Konzert nach Hause komme und spontan eine Stunde Probe dranhänge.« Und so sitzt er dann da. Mitten in der Nacht. Im Keller.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Frühjahrsausgabe 2014 der Aachener Stadtzeitung »Klenkes NEO«.

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