Des Flaggschiffs neue Kleider

Glotze aus!Hach, was war das früher konkurrenzlos gut. Die Uhr schlug Acht und schon kamen sie in nahezu jedes deutsche Wohnzimmer: die akkurat frisierten Damen und Herren, die uns alles Wesentliche, das an diesem Tag passiert war, von ihrem Stapel Zettel vorlasen. Fast schon herrschaftlich ihr Umblättern, aufs Wesentliche reduziert die dazu passenden Bilder und völlig schnickschnackfrei die Einspielfilmchen. Hätte es nicht einfach immer so bleiben können? Nein.

Der Medienwandel macht auch vor jahrzehntealten Flaggschiffen nicht Halt. Im Lauf der letzten Jahre lief die Tagesschau Gefahr, immer weiter an Relevanz zu verlieren. All die Dinge, die dort abends berichtet werden, weiß der interessierte Zuschauer heutzutage dank Internet längst. Kaum passiert irgendwo irgendwas, gibt es auf etlichen Seiten im Netz Meldungen in Beinahe-Echtzeit, Liveticker und Fotoklickstrecken. Ein journalistischer Kommentar zu Vorkommnissen – Anno Dazumal ein Privileg der Tagesthemen, quasi des größeren Tagesschau-Geschwisters – gibt es heute im Dutzend, bevor die Uhr überhaupt nur auf die Idee kommt, Acht zu schlagen. Und dann sind da noch die anderen Sender, die mit grelleren und lauteren News locken.

In dieser Gemengelage musste sich die Tagesschau weiterentwickeln. Künftig werden die Nachrichten also mittels Multimediawand mit Zusatzinformationen unterfüttert, die dem Zuschauer neue Erkenntnisse verschaffen. Eine Aufbereitung der News aus Blickwinkeln, die online wegen der dort nötigen Schnelligkeit unter den Tisch fallen: Ich hoffe, dass dies die Vision ist, die die Tagesschau-Macher mit ihrem neuen Studio verwirklichen wollen. Vernünftig eingesetzt, lässt sich mit dieser neuen Takelage viel frischer Wind einfangen, von dem auch der Zuschauer profitieren würde. (Sollte es allerdings nur darum gehen, mit der Technik rumzuspielen, weil man mit der Technik rumspielen kann, wäre das Flaggschiff auf fatalem Schnickschnack-Kurs Marke RTL2 & Co.)

»Wie findest Du denn das Tagesschaustudio nach dem Umbau so?«, fragte neulich Gitta. »Ganz gut«, sagte ich. Die Begründung wollte sie dann schriftlich haben. Darum entstand dieser Text.

Ähnliche Beiträge:

______________________

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, mein Name ist Christoph Löhr und ich bin ein Öcher Jong, den es an den Rhein verschlagen hat – nach Bonn. Als freier Journalist und Autor arbeite ich sowohl für diverse Zeitungen und Magazine, als auch im Auftrag von Agenturen und Direktkunden. Wer nach dem Besuch meines Blogs Interesse an weiteren Informationen hat, findet mich auch bei Facebook, Twitter, Xing oder wahlweise bei Google+. (Weitere Netzwerke, in denen ich mal mehr, mal weniger aktiv bin, finden sich im Fußbereich dieser Seite.)

Getaggt als: ,