Georges Paul: Außer man tut es

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Ob als Musiker oder als Mitorganisator von Konzerten und anderen Veranstaltungen: Georges Paul setzt auf Selbstbestimmung statt irgendein einengendes System.

Letztlich schmeißt Georges Paul die CD doch noch in den Player. Bislang war er nicht dazu gekommen, das Doppel-Album zu hören, das ihm eine Bekannte geliehen hatte. Doch morgen möchte sie ihre Platte zurückhaben. Sicher wird sie fragen, wie Georges die Musik fand. Mehr aus Höflichkeit nimmt er sich jetzt also Zeit für diesen Konzert-Mitschnitt des Art Ensemble of Chicago. Was er hört, schüttet Benzin auf ein bis dahin nicht gekanntes Feuer. Schon nach wenigen Minuten steht Georges Paul innerlich in Flammen. Seine Höflichkeit wird sein Leben und vor allem sein künstlerisches Schaffen entscheidend verändern.

Freier Geist im Kollektiv

»Ich war damals in einer Phase, in der ich nicht wusste, wohin es mit mir und der Musik gehen sollte«, erinnert sich Paul noch ganz genau an diesen Abend vor ein paar Jahren. »Als die CD lief, war mir sofort klar: Das ist es!« Bis heute brennt der 34-Jährige lichterloh für das Art Ensemble of Chicago, für Free Jazz und improvisierte Musik. Neben der Musik begeistert ihn auch der freiheitliche Ansatz des Künstlerkollektivs, das seit jeher in allen Bereichen großen Wert auf Selbstbestimmung legt – von der Konzertorganisation bis hin zum Unterricht für den interessierten Nachwuchs.

Foto: Yuri Brodsky
Foto: Yuri Brodsky

Dass das Art Ensemble auch seine Platten schon in den Anfangstagen Mitte der 60er-Jahre auf eigene Faust herausbrachte, ist zum Teil sicher der mangelnden Nachfrage bei renommierten Labels geschuldet. Es entspricht aber eben auch dem freien Geist der Truppe, die damit quasi den Grundstein für die DIY-Kultur legte. Do it yourself. Auch Georges Paul folgt diesem Credo.

Analog zu den Vorbildern in Chicago, die mit der Gründung der »Association for the Advancement of Creative Musicians« ein Fundament für ihr vielfältiges Tun legten, hat er mit Gleichgesinnten wie dem Regisseur Pavel Borodin vor rund zwei Jahren die In Situ Art Society aus der Taufe gehoben. Unter ihrer Flagge arbeitet gut ein halbes Dutzend Musikenthusiasten daran, das kulturelle Angebot Bonns breiter zu gestalten.

Das geschieht vor allem mit der Organisation von Konzerten in hier ansonsten unterrepräsentierten Bereichen wie Free Jazz, Neue oder improvisierte Musik – aber auch mit Filmvorführungen und aktuell seit Anfang September mit einer Ausstellung von Musikerporträts des Fotografen Peter Gannushkin im Dialograum Kreuzung an Sankt Helena in der Bonner Nordstadt. Georges Paul: »Im Dialograum haben wir einen gemeinsamen Anlaufpunkt gefunden, für den wir den Leuten dort nicht genug danken können.«

Abseits grundlegender Dinge

Regelmäßig steht er hier auch selbst auf der Bühne, um mit anderen Musikern zu improvisieren. Es sind quasi öffentliche Gespräche mit zumeist wildfremden Menschen, die er dann führt – flüchtige Momente, in denen eine gemeinsame Ausdrucksform ermittelt wird, während sich die Künstler abseits selbst so grundlegender Dinge wie Rhythmus, Tonalität oder Zeit bewegen. Ein gewisses Risiko gehen sie dabei jedes Mal ein. Nicht immer finden die verschiedenen musikalischen Verständnisse zueinander. »Fehler sind ein Teil der Prozedur«, sieht Paul die Sache nüchtern. »Machst Du keine, bewegst Du Dich nicht voran. Sie sind nicht zuletzt ein Ansporn, Dein Instrument noch besser beherrschen zu lernen.« Oder im Fall von Georges Paul: Deine Instrumente.

»Der Kontrabass mit seiner komplexen Grammatik und das bewegliche Saxophon sind wie zwei verschiedene Sprachen.«

In einem an Musik weitestgehend desinteressierten Umfeld aufgewachsen, hat er vergleichsweise spät angefangen, ein Instrument zu erlernen. Mit Mitte 20 animierten ihn Freunde dazu, neben der Stereoanlage noch andere Wege des Musikspielens zu finden. Er entschied sich für den Kontrabass und warf sich neben seinem Studium der Philosophie wie besessen in den Unterricht. Das Saxophonspielen brachte er sich später zu weiten Teilen auf eigene Faust bei.

»Die beiden Instrumente sind wie zwei verschiedene Sprachen«, sagt er. »Der Kontrabass mit seiner komplexen Grammatik ist vergleichbar mit Deutsch, während das bewegliche Saxophon eher dem Englischen entspricht. Für etwas Smalltalk braucht man nur ein paar Vokabeln. Die Schwierigkeiten kommen erst, wenn Du mehr willst, als über das Wetter zu reden.« Inzwischen parliert Paul mit seinem Saxophon weit über Smalltalk-Niveau.

Zusammen mit dem festen Willen zur anarchischen Selbstorganisation und einer sehr direkten Art, Ziele anzugehen, hat ihm diese »sprachliche« Gewandtheit schon etliche interessante Türen geöffnet. Konzerte mit manchen der wichtigsten Musiker der Szene sind für Georges Paul keine bloße Vision.

Am ersten Oktoberwochenende etwa wird er die Bühne mit einem seiner Idole teilen. An zwei Abenden hintereinander wird das Vagrancy Ensemble, dessen Teil Georges Paul ist, Konzerte mit Roscoe Mitchell spielen, mit einem Gründungsmitglied des Art Ensemble of Chicago. Ein Konzert mit einem der Männer, die ihn durch eine geliehene CD maßgeblich beeinflusst haben: Für Paul schließt sich damit quasi ein Kreis. Und hinter dem Zirkelschluss geht es weiter. Organisation von Tourneen, Gründung eines Plattenlabels. Große Pläne warten auf ihre Umsetzung. Mit dem Geist des DIY wird Georges Paul sie angehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Bonner Stadtmagazin »Schnüss«. Das Foto von Georges Paul wurde mir von ihm selbst zur Verfügung gestellt.

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