planlos.in: Schnitzeljagd per SMS

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Am Samstag war ich mit Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner im ehemaligen Regierungsviertel von Bonn unterwegs. Die beiden hatten mich gebeten, für sie den Geist der alten Bundesrepublik zu suchen. Nur durch ihn könnten ihre Seelen die wohlverdiente ewige Ruhe finden. Und die Jagd nach dem Geist führte an einstmals mächtige Orte und zurück in Zeiten, als dort zwischen heutiger Museumsmeile und Rhein die Geschicke Deutschlands gelenkt wurden. Am Ende fanden Franz-Josef und Herbert tatsächlich Erlösung.

Nein, ich habe nicht sehr lebhaft geträumt. Und ich habe am Samstag auch nicht schon vor dem Frühstück mit dem Schnapstrinken angefangen. Die Geister von Strauß und Wehner sind keine Hirngespinste von mir, sondern vielmehr Teil einer nahezu brandneuen Schnitzeljagd durch Bonns Bundesviertel. Entlang der erdachten Handlung um die unerlösten Seelen der beiden Bundestags-Streithähne hangelt sich der Schnitzeljäger von Ort zu Ort, wo ihn immer neue Rätsel erwarten und dem Ziel ein Stück näher bringen. Das Ganze funktioniert vermeintlich simpel: Zur Teilnahme braucht es keine App, nicht einmal einen mobilen Zugang zum Internet. Die Kommunikation mit den Protagonisten läuft per SMS.

Ganz so simpel ist diese Technik dann aber doch nicht. Hinter den Nachrichten der verblichenen Politiker steht eine Software, die zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellt und die dazu passenden Antworten erkennen muss. »Was Groß- und Kleinschreibung angeht, ist unser Programm eher verzeihend«, plaudert Jonas Nießen aus dem Nähkästchen im Serverraum. »Zudem braucht es eine genaue Absicherung der SMS-Zustellung. Käme eine Nachricht nicht an, könnte das Spiel nicht weitergehen.« Der 31-Jährige ist einer von drei Gründern des Start-ups »planlos.in«. An seinem jetzigen Wohnort London war er erstmals auf eine SMS-Schnitzeljagd aufmerksam geworden. Im März 2016 holten er und seine Mitstreiter das Konzept nach Deutschland. Mit einem feinen Unterschied zum englischen Angebot: »Bei uns schreiben erfahrene Autoren die Geschichten zu den Touren. Das ist in London nicht der Fall.«

In Bonn ist das zum Beispiel die Krimiautorin Sabine Trinkaus, die eine Geschichte rund um Beethoven konzipierte – den Hintergrund zur zweiten Tour innerhalb Bonns. Ihr und den anderen Schreiberinnen und Schreibern stellt sich mit diesem Konzept eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe: Anders als Buchseiten, bietet eine SMS nur sehr wenig Platz. Mit derart wenigen Buchstaben eine funktionierende Geschichte zu erzählen, ist schon eine Kunst. Zumal der Nutzer gleichzeitig das Gefühl haben soll, mit den Protagonisten im Dialog zu stehen. Bei der Tour im Bundesviertel – erdacht von Olaf Guercke – funktioniert das hervorragend. Von der Beethoven-Tour aus der Trinkaus-Feder wird ähnliches berichtet. Was aufgrund des Formats jedoch ein wenig zu kurz kommt, sind weiterführende Informationen zu den jeweiligen Orten. Die Schnitzeljagd ist in dieser Form darum eher ein virtuelles Spiel im realen Raum als eine spielerisch das Wissen erweiternde Stadttour.

Diese und weitere Rückmeldungen haben wir am Samstag den Leuten von »planlos.in« gegeben, nachdem wir Bonn komplett »durchgespielt« hatten. Wir, das sind neben mir noch drei weitere Bonner Internetmenschen, die die Touren auf Einladung des Start-ups ausprobieren und vor allem testen durften: Helge und Martin waren mitsamt Autorin Sabine und »planlos.in«-Öffentlichkeitsarbeiterin Sophie auf Beethovens Spuren unterwegs. Franz-Josef, Herbert und ich wurden unter den Augen von Geschäftsführer Jonas Nießen durch Joas zum Geisterjäger-Quartett komplettiert – zu einem äußerst erfolgreichen Quartett, wie sich am Ende herausstellen sollte: Bestzeit auf der Bundesviertel-Tour. (Der Team-Name »Öcher« wurde ausdrücklich nicht von mir, aber sicher wegen mir gewählt.)

Mal schauen, vielleicht testen wir demnächst mal, ob der Beethoven-Rekord nicht auch zu knacken ist. Oder was es andernorts per SMS zu jagen gibt. Neben Bonn bietet »planlos.in« derzeit jeweils zwei Touren in Köln, Aachen und Hamburg an. Weitere Städte sollen dazukommen. Irgendwann in der Zukunft dann auch weitere Sprachen.

Offenlegung: Ich habe die beschriebene SMS-Schnitzeljagd auf Einladung von deren Betreiber und daher kostenlos gespielt. Meinen Bericht hat dieser Umstand nach meiner Einschätzung nicht beeinflusst.

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Hallo, mein Name ist Christoph Löhr und ich bin ein Öcher Jong, den es an den Rhein verschlagen hat - nach Bonn. Als freier Journalist und Autor arbeite ich sowohl für diverse Zeitungen und Magazine, als auch im Auftrag von Agenturen und Direktkunden. Wer nach dem Besuch meines Blogs Interesse an weiteren Informationen hat, findet mich auch bei Facebook, Twitter, Xing oder wahlweise bei Google+. (Weitere Netzwerke, in denen ich mal mehr, mal weniger aktiv bin, finden sich im Fußbereich dieser Seite.)

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