Setterich, Heilig Abend 2010

Natürliche Entschleunigung und Frohes Fest

Das war er also, der schnelle Teil des Jahres 2015. Ab heute wird noch eine Woche getrudelt und dann steht alles wieder auf Anfang. Da ist der Zeitpunkt doch ziemlich passend, mich bei allen Leuten zu bedanken, die 2015 Lust auf meine Buchstaben hatten – sei es als Leser oder als Auftraggeber. Ein Dank auch all jenen, die mir bei Recherchen mit Informationen unter die Arme gegriffen haben oder die sich von mir haben interviewen lassen, die ich zu welchen Gelegenheiten auch immer kennengelernt oder getroffen habe, die Lust und Zeit auf Austausch und Gespräch hatten. Oh, und danke für all die Musik, die ich hören durfte.

Bei aller Liebe zum Quatschen und Schreiben: Den Rest des Jahres werde ich vornehmlich mit meinen beiden Damen daheim verbringen. Im Mai bin ich Vater geworden. Das wiederum ist der grandiose Teil des Jahres 2015. Weiterlesen

Aufhebung! (Pressefoto)

Im Rahmenprogramm des Beethovenfests 2015: »Aufhebung!«

Im April hatte ich zunächst in der »Schnüss« und dann auch hier über die In Situ Art Society geschrieben. Dieser gemeinnützige Verein hat sich die Förderung der im »normalen« Betrieb nur marginal vorkommenden Kunst auf die Fahne geschrieben. Er organisiert Lesungen, Filmvorführungen, vor allem aber Konzerte, vornehmlich mit Künstlern jenseits des Mainstream. »The Dissonant Series« lautet der Name einer Konzertreihe, die sich zumeist unterrepräsentierten Kunstformen wie der improvisierten Musik annimmt.

Im Herbst jährt sich die Gründung der In Situ Art Society zum ersten Mal. Fast zeitgleich organisiert das international aufgestellte Team – die Mitglieder kommen aus Deutschland, Russland, der Ukraine und Griechenland – sein bisher größtes Projekt: »Aufhebung!«, ein zweitägiges Programm, das verschiedene Generationen sowjetischer und postsowjetischer musikalischer Avantgarde präsentiert. »Aufhebung!« gehört zum Rahmenprogramm des diesjährigen Beethovenfests. Die beiden Konzertabende finden am 18. und 19. September jeweils ab 20 Uhr im Schumannhaus Bonn statt. Weiterlesen

Blogger für Flüchtlinge (Logogestaltung: Tollabea)

Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen

Zum Beispiel mein Opa Fritz: Mitte der 90er Jahre wurde im Haus gegenüber seiner Wohnung eine Unterkunft für Menschen eingerichtet, die den Wirrungen und der Gewalt des damals tosenden Jugoslawienkonflikts entkommen waren. Und während in der Nachbarschaft noch viele Leute überlegten, wie diese Situation jetzt zu nehmen sei, machte mein Opa einfach Nägel mit Köpfen. Kein Mann großer Worte, brachte er allmittäglich Selbstgekochtes – und Opa Fritz konnte grandios kochen – in Töpfen über die Straße, auf dass die neuen Nachbarn etwas Feines zum Essen hätten. Schnell entstanden durch seine Mittagsbesuche regelrecht freundschaftliche Kontakte. Vor meinem inneren Auge sehe ich meinen Opa noch in der Abendsonne auf dem Bürgersteig stehen, mit zwei etwa gleichaltrigen Männern ohne gemeinsame Sprache in ein Gespräch vertieft, gestenreich, einander zugewandt, lachend. Weiterlesen

Fußballtor in Dungloe

Dem Stefan und dem Nick seine Oma und ich

Für all diejenigen, die Fußball mehr so mit der Bundes- als mit der Regionalliga assoziieren, fängt nach der DFB-Pokal-Ouvertüre neulich am kommenden Wochenende die Saison an. Und pünktlich zur neuen Serie kommen Stefan und Nick mit einem neuen, voraussichtlich monatlich erscheinenden Podcast um die Ecke.

Für »Den macht sogar meine Oma« sprechen die beiden schon über Fußball, scheuen aber auch nicht davor zurück, den Gala- und Bunte-Gossip-Aspekt von Starkickern zum Thema zu machen. Spielerfrauen, Marktwerte, dicke Karren: Alles kann, nichts muss. Irgendwie bin ich da in die Premierennummer (nach dem NullzuNull-Nummern-Testlauf) reingeraten.

Denn in jeder Folge soll unter der Rubrik »Einwurf« auch ein Fan zu Wort kommen. Weil ich da neulich schon so viel Spaß mit dem Stefan hatte und ihm das wohl ähnlich ging, ist er für den Start gleich mal auf mich gekommen. Passt ja auch ganz gut. Mein Verein spielt schließlich schon seit zwei Wochen wieder um Punkte, weswegen ich im Gegensatz zu den ganzen Bundesliga-Kaltstarter-Fans quasi schon warm bin. Jedenfalls: Wer hier klickt, kriegt die komplette Oma auf die Ohren. Und irgendwann um Minute 22 rum werde ich dann rantelefoniert, um ein bisschen über die Alemannia zu reden. Mach ich doch so gerne. (Das Interview wurde natürlich vor der Sendung aufgezeichnet.)

Alkmaar – Ecke Pinto (Foto: Carl Brunn)

Vor einem Jahrzehnt: Ende in Alkmaar

Manchmal sehe ich Simon Rolfes noch auf uns zulaufen. Von Sergio Pinto in Szene gesetzt, dringt er halblinks in den Strafraum ein und läuft auf das Tor zu, hinter dem ihn etwa 950 Alemannen anfeuern – alleine vor Keeper Henk Timmer, den Ball am Fuß, die Entscheidung auf dem Schlappen.

Etwas weniger als eine Stunde war gespielt, damals in Alkmaar. Die Alemannia war in der dritten Hauptrunde des UEFA-Pokals zu Gast bei AZ Alkmaar. Nach dem 0:0 im Hinspiel und bei 1:0 Führung durch Erik Meijer wäre das 2:0 wohl der Nagel im Sarg der Niederländer gewesen. In meinem Hinterkopf wurden Fragen laut: Ist mein Reisepass noch gültig? Was kostet so eine Tour in die Ukraine? Der Gegner im Falle unseres Weiterkommens stand so gut wie fest. Zeitgleich, das entnahmen wir der Anzeigetafel in Alkmaar, schmiss Shakhtar Donezk Schalke aus dem Pokal. Weiterlesen

IN DER PRATSCH, Ausgabe 16

Wie in alten Zeiten: Alemannia gegen Rot-Weiss Essen

»In der Bibel steht geschrieben:
Du sollst Deine Feinde lieben.
Dabei eines nicht vergessen:
Auf die Fresse, Rot-Weiss Essen!«

Von der Regionalliga West bis zur Zweiten Bundesliga sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen. Über die Jahrzehnte hinweg bist Du für uns zu einem gehassliebten Rivalen geworden. Mit Dir verbinden wir Erinnerungen an gute, alte Zeiten. An große Siege und derbe Niederlagen. Aber auch an die Hochzeit des Fußballrabaukentums. Auswärts hattest Du eine Menge Pöbel und Gesocks im Schlepptau. Bei Dir zu Hause fühlten wir uns ganz besonders unwillkommen. Du warst eines dieser Schmuddelkinder, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben. »Mit Essen spielt man nicht«, haben sie gesagt. Wir haben es trotzdem getan. Oft haben wir danach behauptet, dass wir gut und gerne auf Dich verzichten könnten. Und es doch nie so gemeint. Mach’s gut, RWE. Es wäre schön, wenn wir uns eines Tages noch einmal über den Weg laufen würden.

So stand es damals geschrieben, im Juni 2010. Am Ende der 16. Ausgabe des Alemannia-Fanzines »In der Pratsch« kam mir die Aufgabe zu, ein paar Worte zur Situation von Rot-Weiss Essen zu verlieren. Seinerzeit musste der Verein Insolvenz anmelden, um in der Folge in den Niederungen des Amateurfußballs zu verschwinden. Und RWE ließ uns nicht kalt genug, das Ganze unkommentiert zu lassen. Der Wiedersehenswunsch am Ende war in dem Zusammenhang völlig ernst gemeint. Weiterlesen

Aoxomoxoa (Foto: Stephan Kochs)

7. Oktober 2003: Einmal Camelot und zurück

Am kommenden Wochenende geht in Aachen eine Ära zu Ende. Nach über 19 Jahren macht der Musikclub Aoxomoxoa die Türen für immer zu. Von Donnerstag bis Montag wird es noch einmal ordentlich Programm geben, dann ist endgültig Feierabend. Im Januar-Klenkes hatte ich ein paar Worte zum Abschied geschrieben, die ihren Weg mittlerweile auch auf die Webseite des Magazins gefunden haben.

Und hier bietet sich derweil quasi die allerletzte Gelegenheit, einen Text loszuwerden, der schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Im Oktober 2003 – Blogs standen als Publikationsmedium (zumindest für mich) noch nicht zur Debatte – habe ich ein Erlebnis im Aoxomoxoa schriftlich verarbeitet und seinerzeit unter ausgewählten Empfängern per Mail verteilt. Neulich habe ich das Dokument auf einer alten Festplatte wiedergefunden. Hier ist es:

»Verdammt, das ist kein Traum!« Ich komme zu mir, bin wohl schon eine Stunde hier. Ich lehne an der Theke, mein Mund will sich nicht schließen und die Cola hat langsam Handtemperatur angenommen. »Wie zum Teufel sind wir hier reingeraten?«

Also, kurz mal zurückgespult: Im Grunde ist es ein ganz normaler Abend am Ende eines ganz normalen Tages. Guido und ich haben zwei kleine Getränke in einer stinknormalen Kneipe genommen. Und irgendwie kann das nicht alles gewesen sein. Zum Glück hat man mit Ende Zwanzig die Mechanismen der Abendunterhaltung verstanden und weiß, wie man die entsprechenden Medien zu Rate zu ziehen hat. Was also läge da näher als das Studium des Lokalblättchens, im Speziellen des Veranstaltungskalenders? Schön, dass die heutzutage die Musikrichtungen dazu schreiben. Erinnerungen an schreckliche Abende in unansehnlichen Clubs mit fürchterlicher Musik, nur weil der Name des »Events« irgendwie nach Punk klang, lassen mich und meine Altersgenossen noch heute erschaudern. Aber dieses Russisch Roulette gehört jetzt ganz offensichtlich der Vergangenheit an. Weiterlesen