Cliff McLane: Rollende Fotomaschinen mit Seele

Schnüss August 2016, Seite 6

Wenn sie nicht gerade in der Weltgeschichte herumfahren, um Menschen zu knipsen, parken zwei außergewöhnliche Fotobusse in Wachtberg. In letzter Zeit stehen sie dort immer seltener, denn die Welt will Cliff McLane.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat Christoph Pforr eine ganze Menge gelernt: über Netzwerktechnik, zum Beispiel, oder darüber, wo die einzelnen Teile eines Dieselmotors hingehören. Solche zuvor unangetasteten Wissensgebiete wären dem 34-Jährigen aus Wachtberg wohl verschlossen geblieben, gehörte er zu den Menschen, die Wege ohne Widerstand oder halbgare Lösungen von der Stange bevorzugen. Weil Pforr sich aber gerne außerhalb jeglicher Komfortzonen bewegt, wurde aus dem freiberuflichen Fotografen die eine Hälfte des dynamischen Duos hinter Cliff McLane. Cliff wer? Am besten erzählt sich diese Geschichte wahrscheinlich der Reihe nach. Weiterlesen

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen: Fünf Asse rütteln am Käfig

Foto: Martin Morris
Foto: Martin Morris

Besser jetzt schon mal notieren, Volk von Münster und Umgebung: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen spielt am 1. Oktober im Gleis 22.

Zugegeben, es sind noch ein paar Tage bis Deutschlands souligste Hamburg-Berlin-Connection ihren Weg nach Münster findet. Aber mit Vorfreude kann man ja nicht früh genug anfangen. Und Vorfreude ist genau das, was alle Anhänger fröhlich-tanzbarer Melodien und klassenbewusst-schnoddriger Texte von genau jetzt an erfüllen sollte. Schließlich vereint Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen exakt diese beiden Zutaten in ihrer Musik. Auf Platte funktioniert diese Kombination schon großartig. Live ist das im Grunde unschlagbar – mindestens aber unvergleichlich gut. Was ist das Geheimnis ihres Erfolges? Weiterlesen

Pokémon Go: Macht hoch die Tür

Taubsi auf der Straße

Man sieht sie in den Straßen. Sie sind überall, schwenken ihre Smartphones wie Wünschelruten, um kleine Figürchen einzufangen, die die meisten anderen Leute gar nicht sehen. Und sie lassen sich von Gangstern in Fallen locken, rennen über rote Ampeln oder stolpern in Baugruben. Seit Mitte Juli zieht das Pokémon-Fieber seine epidemischen Kreise. Pokémon?! Wir haben das Jahr 2016, nicht 1996. Sind die verrückt?

Ja, so könnte man die Geschichte beurteilen. Aber hey, wollen wir es diesmal einfach anders machen? Wollen wir den Leuten, die auf diesen viralen Zug aufspringen, einfach mal keinen Wahnsinn unterstellen und sie nicht belächeln? Das wäre doch mal was. Denn auch wenn die verbissene Jagd auf Taubsi, Miltank, Traumato und Co in freier Wildbahn selbstgefährdende Auswüchse annehmen kann und sowieso irgendwie unvernünftig ist, lässt sich die »Pokémon Go«-Story auch anders erzählen.

Tatsächlich bedeutet dieses Spiel den ersten Fall, in dem die Idee Augmented Reality weite Kreise zieht – und zwar richtig richtig weite Kreise. Plötzlich ist die Erweiterung der Realität durch virtuelle Inhalte, die Verschmelzung von analoger Welt und digitaler Information in aller Munde. Klar, das geschieht mit einem Spiel, aber selbst im Bewusstsein nicht besonders technikaffiner Menschen wurde in den letzten Wochen ein Hebel umgelegt, der vielleicht für ein wenig Offenheit sorgt. Schließlich wird Augmented Reality künftig eine große Rolle spielen.

Es ist so vieles denkbar, das unser Leben erleichtern wird: weitergehende Informationen zu Museumsexponaten beim Blick durch das Smartphonedisplay (weitere Beispiele für AR im Museum bei »Culture to go«); Wegbeschreibungen des Navigationssystems, die direkt ins Brillenglas projiziert werden; LKW-Windschutzscheiben, die dem Fahrer signalisieren, ob auf dieser Raststätte noch ein Parkplatz für die Nacht frei ist. Oder, oder, oder. Diese Dinge werden kommen. Es lohnt sich, die Tür für sie offen zu lassen. Die Tür, die durch ein irgendwie unvernünftiges Spiel erstmals so richtig weit geöffnet worden ist.

Bei unserem allmonatlichen Pro-und-Contra-Abtausch im Bonner Stadtmagazin »Schnüss« haben Kollegin Gitta und ich uns diesmal mit Pokémon Go beschäftigt. Ich war eher so Pro.

Wie in alten Zeiten: Tagesausflug zum »Rock Herk 2016«

The Notwist beim Rock Herk 2016

Ungefähr eine mittelprächtige walisische Torschussdistanz von Belgien entfernt aufgewachsen, habe ich schon in jungen Jahren das popkulturelle Angebot zu schätzen gelernt, das gerade im Sommer in unserem Nachbarland auf der Karte steht: Festivals, Festivals, Festivals. Natürlich sind da seit ewigen Zeiten die beiden Klassiker »Rock Werchter« (vormals »Torhout Werchter«) und »Pukkelpop«. Aber eben auch etliche, kleine, mit viel Liebe ausgerichtete Festival, die immer wieder ein phantastisches Line-Up zusammenkriegen. Das war schon in den 90ern so. Weiterlesen

Charles Bradley: Endlich Zahltag!

Ultimo 13-16, Seite 20

Die Soul-Version der Tellerwäscher-Millionär-Geschichte: Früher einmal Koch, ist Charles Bradley heute ein Star, eine unglaubliche Rampensau und am 12. Juli live in Münster.

Mach immer weiter! Irgendwann kommt der Moment, in dem sich all Deine Mühen gelohnt haben werden. Klar, diese Sätze könnten ohne weiteres aus dem Tagebuch von Olli Kahn stammen. Mindestens ebenso klar und ohne weiteres fassen sie aber auch die Lebensgeschichte eines anderen Niemals-Aufgebers zusammen. Seit rund fünf Jahren erntet Charles Bradley, was er in den Jahrzehnten zuvor gesät hat.

Die ersten fast 50 Jahre seines Lebens hat es im Grunde zwei verschiedene Charles Bradleys gegeben: hier der ohne Vater aufgewachsene Überlebenskämpfer, der obdachlose Jugendliche, den ein Hilfsprogramm von der Straße holt und zum Koch ausbildet, der Streuner und Gelegenheitsarbeiter; dort der Musikliebhaber mit der großartigen Stimme und der Riesenportion Feuer im Hintern, der im Alter von 14 mit seiner Schwester ein Konzert von James Brown besucht und sofort für den Soul entflammt, der über die Jahrzehnte in etlichen Bands singt, der in Soul-Shows den James Brown mimt, weil er nicht nur klingt wie der King of Soul, sondern auch so tanzt, der es trotz dieser Talente aber allenfalls zu lokalem Ruhm am jeweils aktuellen Wohnort bringt – mal in Kalifornien, mal in seiner Heimat Brooklyn. Ein Riesentalent, für immer gefangen in einem allzu engen Netz namens Leben. Bis, ja bis Ende der 1990er-Jahre er dann plötzlich doch noch kommt, dieser Moment, der alle bisherigen Mühen belohnt. Bradley wird entdeckt. Weiterlesen

Radio Birdman: Legenden des Aussie-Radau

Foto: Bob King
Foto: Bob King

Sie brachten einst den Punk nach Australien. Am 8.7. spielen Radio Birdman im Gleis 22.

Der Sommer 1974 war eine brillante Zeit für große Treffen und Legendengeburten. Auf der Nordhalbkugel der Erde, genauer gesagt in München, traf ein von Gerd Müller auf die Reise geschickter Ball am Niederländer Jan Jongbloed vorbei das Netz eines Tores. Viel wichtiger war aber ein Treffen, das sich nahezu zeitgleich auf der Südhalbkugel ereignete, genauer gesagt in Sydney. Dort lernte ein junger, zwei Jahre zuvor nach Australien übergesiedelter US-amerikanischer Medizinstudent namens Deniz Tek einen einheimischen Surfer-Boy namens Rob Younger kennen.

Tek hatte aus seiner Heimat den Sound berühmter Nachbarn mitgebracht: Iggy und die Stooges kamen wie er aus Ann Arbor. Gleich um die Ecke in Detroit wohnten mit MC5 noch mehr Proto-Punk-Helden. Im Sinne dieser Bands und mit dem festen Willen, gegen das komplette Musikestablishment anzurebellieren, wollte auch Deniz Tek seine Gitarre derart brachial beackern.

Er musste Younger nicht lange überreden. Aus dem Surfer wurde ein Sänger – bereit, sich die Seele aus dem Leib zu bellen. Gemeinsam mit dem Organisten Pip Hoyle und weiteren Mitstreitern gründete das dynamische Duo eine Band. Als Verneigung vor den Stooges und Zitat eines ihrer Songtexte gemeint, entsprang deren Name letztlich einem akustischen Missverständnis. Tatsächlich sang Iggy »Radio burnin‘«. Tek, Younger, Hoyle und die anderen aber nannten sich Radio Birdman und gingen auf Sendung. Und der Punk kam nach Australien. Weiterlesen

Protest statt Piepmatz: Shearwater mit zornig zärtlichem Album auf Tour

Ultimo 12-16, Seite 20

Auf der Tour zum musikalischen Sprung nach vorn kommt Shearwater am 29.6. auch nach Münster.

Wenn Jonathan Meiburg nicht gerade eine Gitarre in der Hand, Pianotasten unter den Fingern oder ein Mikrofon vor dem Gesicht hat, beschäftigt er sich normalerweise mit der Artenvielfalt der Vögel. So könnte man zumindest annehmen: Bis zur Veröffentlichung von »Jet Plane and Oxbow« im Januar tauchte irgendwie ständig und überall Gefieder im Zusammenhang mit den Alben seiner Band Shearwater auf – auf den Covern, in den Liedtiteln, in den Texten, in den Booklets.

Letztlich trägt ja sogar die Band des studierten Ornithologen Meiburg einen Vogelnamen. Shearwater ist der englische Begriff für den Großen Sturmtaucher. Puffinus gravis, wie der Lateiner sagt, wenn er über diesen Seevogel spricht. Und plötzlich enthält das neue Album keinen einzigen Piepmatz mehr – nicht auf dem Cover, nicht in den Liedtiteln, nicht in den Texten. Was ist denn da los, Herr Meiburg? Weiterlesen