»Lit.Eifel«-Lesung in Eupen: Vier Jahrzehnte, vier Stimmen

Grenzecho, 11. Juni 2016, Seite 21

Schriftstellerisch raffiniert und bis ins Poetische einfühlsam erzählt Shida Bazyar die Geschichte einer iranischen Familie, die in den nachrevolutionären Wirren nach Deutschland fliehen muss. Mit einer Lesung aus »Nachts ist es leise in Teheran« eröffnet die Autorin am 14. Juni im Eupener Jünglingshaus den ostbelgischen Teil der diesjährigen »Lit.Eifel«.

Teheran im Jahr 1979: Der Schah ist gestürzt. Jetzt kann die Revolution zu ihrem guten Ende geführt werden. Behsad Hedayat ist 27 Jahre alt, er fungiert als Sprecher der kommunistischen Gruppierung Teherans und schon bald wird sich sein Wunsch vom guten Ende als unerfüllbar erweisen. Vor kurzem noch im Kampf gegen den Schah vereint, ringen nach dessen Fall Kommunisten und Religionsfanatiker um das Erbe. Und es sind nicht Behsad und die seinen, die aus diesem Ringen siegreich hervorgehen. Sie haben die Flugblätter. Die anderen haben die Gewehre.

In diesem Setting nimmt der Debütroman von Shida Bazyar seinen Ausgang. Bis in unsere Zeit hinein verfolgt die in Berlin lebende Autorin in »Nachts ist es leise in Teheran« das Schicksal von Behsad und seiner Familie. Ein raffinierter Kniff eröffnet dabei gleich mehrere Perspektiven auf die Geschichte: In Zehnjahresschritten bewegt sich der Roman voran, wobei in jedem dieser großen Kapitel ein anderes Familienmitglied den Platz des Erzählers oder der Erzählerin einnimmt. Weiterlesen

Fußball-Diskussionskultur: Vor die Hunde

Mannschaftsbild mit Gardine

Gilt das eigentlich auch heutzutage noch, dass man hinterher immer schlauer ist? Bitte gar nicht erst losüberlegen, es handelt sich um eine rhetorische Frage. Natürlich ist auch an mir nicht die Erkenntnis vorbeigelaufen, dass Mensch in unserer Zeit schon vorher schlauer ist – weit vorher. Erst neulich war dieses Schauspiel wieder millionenfach zu beobachten: Kaum hatte Bundes-Jogi sein vorläufiges Aufgebot für die kommende Europameisterschaft benannt, brach der Sturm auch schon los.

Der »ahnungslose Badener« hatte einmal mehr die falschen Leute auf seinen Zettel geschrieben und die wirklich wahren Heilsbringer des deutschen Fußballs einfach nicht berücksichtigt. So wird das nix mit dem Titel. Überhaupt nix. Garantiert. Es kann ja nicht immer so glücklich laufen wie vor zwei Jahren, als Deutschland trotz und nicht wegen des »Pullover-über-die-Schulter-Trägers« Weltmeister wurde. So der Tenor der Couch Coaches – vier Wochen vor Turnierbeginn. Noch kein Ball rollt, aber Schland ist schon sicher ausgeschieden. Leute, bitte.

Fußball ist fraglos zum Diskutieren da. Wie sonst sollte man die Zeit zwischen den Spielen totschlagen? Aber irgendwie hat sich der Ton solcher Diskussionen verändert. Wenn es denn überhaupt zur Diskussion kommt. Meist wird jeder Meinungsaustausch von vornherein in Großbuchstaben abgewürgt. Statt »Ich hätte eher Schmelzer nominiert.« heißt es »SCHMELZER!!!!1!«, statt »Ob sich Podolski noch einmal wird durchsetzen können?« lautet die Frage: »Was soll das Maskottchen Lululukas denn da???« Hauptsache, man ist das mal losgeworden, verdammte Scheiße!

Ganz im Ernst: Diese Simulation von Allwissenheit ohne jede Grundlage, dafür aber mit aggressivem Hintergrundrauschen nervt kolossal. Natürlich müssen wir alle gerade um ein großes Turnier herum über Fußball reden. Aber eben über Fußball. Und irgendwie miteinander. Und mit dem Hauch einer Chance auf Spaß. Sonst können das all die Social-Media-Bundestrainer auch einfach wieder ihrem Hund vom Sofa runter erzählen. Dem war das total egal, ob man hinterher schlauer war. Oder vorher. Oder gar nicht.

Für die Juni-Ausgabe des Bonner Stadtmagazins »Schnüss« haben Kollegin Gitta und ich unsere Meinungen zu den Millionen Bundestrainern auf ihren Sofas abgeglichen. Bei ihr kamen die Allesvorherwisser deutlich besser weg.

Deutsches Museum Bonn: Stop that train

Eingangsbereich Deutsches Museum Bonn
Pressefoto

Zuschuss streichen, Vertrag kündigen, Mietvertrag nicht verlängern: Im Mai 2015 beschloss der Rat der Stadt Bonn faktisch das Ende der hiesigen Dependance des Deutschen Museums. Wie ist es zwölf Monate später um das Haus in der Ahrstraße bestellt? Hat es eventuell doch eine Zukunft?

Es klingt fast wie eine technische Sensation: Wenn es nach dem Willen der Bonner Stadträte geht, wird im kommenden Jahr wirklich ein Transrapid durch deutsche Lande fahren. Hierzulande entwickelt, hat die Magnetschwebebahn außerhalb von Shanghai nie irgendeine Form von Regelbetrieb aufgenommen. Zugegebenermaßen bliebe das auch künftig so. Die 2017er-Fahrt würde ein ebenso einmaliges wie kostspieliges Vergnügen werden, das der Transrapid nicht einmal aus eigener Kraft bewältigen könnte. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die vermeintliche Sensation also als handfeste Enttäuschung – nicht zuletzt für den Wissenschaftsstandort Bonn.

Denn wenn sich die Bahn tatsächlich auf den Weg machte, wäre das Aus des Deutschen Museums Bonn (DMB) besiegelt. Mit dem Wahrzeichen und größten Ausstellungsstück des Hauses würden auch alle übrigen Exponate ins Mutterhaus nach München geschafft werden. Und während die Rechnung für diesen Mammut-Transport ins Bonner Rathaus flatterte, würde die Museumsmeile auf Museums-500-Yards zusammenschrumpfen und das naturwissenschaftlich-technische Puzzleteil ihres Ausstellungsverbundes verlieren. Wer je auf der Suche nach einer klassischen Lose-Lose-Situation war: Bitteschön. Weiterlesen

Plan B ins Herz: Graham, West Ham United und ich

Underground Arsenal

»Sorry, aber es fängt gleich an zu regnen.« Für einen Moment dachte ich, der vor mir stehende Mann im Anzug mit dem Gunners-Emblem wolle mich auf den Arm nehmen. Aber dann drückte er mir tatsächlich wieder das Geld in die Hand, das ich ihm kurz zuvor für ein Ticket über die Theke geschoben hatte. Die Stadiontour in Highbury war hochoffiziell abgesagt. Wegen Regens. In London.

Ein bisschen habe ich noch mit dem Mann diskutiert, damals im Frühjahr nach der Jahrtausendwende. Ich wolle das Stadion unbedingt sehen. Nein, später ginge das nicht, schließlich würde ich schon morgen wieder abreisen. Aber keine Schnitte. Die Tür war zu und sie blieb zu. Mein Plan, den vorletzten Tag meines London-Trips zu ein oder zwei Stadionbesichtigungen zu nutzen, hatte gleich zum Start einen herben Dämpfer verpasst bekommen. Kein Highbury, kein Fever Pitch, kein Blick auf das Wohnzimmer von Dennis Bergkamp. Von der Seite konnte ich ein wenig in die Tribünen hinter der Häuserzeile schauen. Es begann leicht zu nieseln, als ich zurück zur U-Bahn-Station ging. Dann eben Plan B. Weiterlesen

Emilene Wopana Mudimu: Die Horizonterweiterin

NEO 21, Seite 6

Emilene Wopana Mudimu ist Rheinländerin mit kongolesischen Wurzeln. Als politische Aktivistin stemmt sie sich gegen Diskriminierung und eine allzu europäische Sicht auf den afrikanischen Kontinent. Eine Arbeit, die ihr viel abverlangt. Und mindestens ebenso viel gibt.

Organisation eines Lesekreises in Köln, Betreuung unbegleiteter, minderjähriger Refugees in Gummersbach, Engagement für kulturellen Austausch in Aachen, Vortragsreisen quer durch Deutschland – und dann ist da ja auch noch das Pädagogik-Studium: Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass Emilene Wopana Mudimu eine vielbeschäftigte Frau ist. Dass ihre Betätigungsfelder fast im gesamten Westen von Nordrhein-Westfalen verstreut liegen, macht die 24-Jährige nebenbei noch zu einer Expertin in Sachen Bahnfahren. Nahezu durchgehend ist sie unterwegs. Wirklich freie Stunden finden sich in ihrem Kalender so gut wie überhaupt nicht.

Für Emilene ist das beileibe kein Grund zu klagen. Schließlich führt sie das Leben, für das sie sich vor einiger Zeit entschieden hat: reiseintensiv, aber abwechslungsreich; anstrengend, aber randvoll mit Erlebnissen; manchmal ermüdend, aber gespickt mit kulturellen und politischen Themen, die ihr am Herzen liegen. Sie setzt sich für eine gerechte Welt ein. Auf dem Weg dorthin ist aber noch einiges zu erledigen. Und so handelt sie nach dem Motto: »Wer keine Zeit hat, muss sich eben welche nehmen.« Weiterlesen

Statt »Indiana Jones 5«: Forever Junior!

Forever Junior

Eines kann man Harrison Ford wirklich nicht vorwerfen: Was der Mann anfängt, bringt er auch zu Ende. Und wenn es Jahrzehnte braucht. Nachdem er Ende 2015 seinen Han Solo nach knapp 40 Jahren zu Grabe getragen hat (Wusste das jemand noch nicht? Sorry.), wurden Mitte März Pläne veröffentlicht, nach denen es im Juli 2019 einen neuen, fünften und vermutlich letzten Film mit Ford in der Rolle des Indiana Jones geben wird. Regie: Steven Spielberg. Drehbuch: David Koepp, der auch schon den vierten Teil geschrieben hatte. Nicht zuletzt darum sage ich »Bitte nicht!« Weiterlesen

»Uncle M Fest«: Mit Schmackes

Ultimo, 7-16, Seite 20

Sechs Bands im Skaters Palace: Das Münsteraner Label Uncle M feiert am 23.4. seinen vierten Geburtstag. Einen Tag vorher geht es schon in Berlin rund.

Schon der Opa hat gewusst: Wer Geburtstag hat, soll es krachen lassen. Wie schön, dass der Onkel neulich Geburtstag hatte, der Uncle M, um genau zu sein. Im vergangenen Winter jährte sich die Gründung des auch sozial und politisch engagierten Plattenlabels zum vierten Mal. Und weil sich die Leute bei Uncle M neben Neuveröffentlichungen und Tonträgern ganz agenturmäßig um Promotion, Marketing und Booking kümmern, verfügen sie über reichlich gute Kontakte in die hiesige, aber auch internationale Punk- und Hardcoreszene, zu Alternative-Acts ebenso wie zu Singern und Songwritern. Da brauchte es im Grunde nur ein paar Anrufe, um eine richtig satte Geburtstagsparty zu organisieren. Weiterlesen