Wie in alten Zeiten: Tagesausflug zum »Rock Herk 2016«

The Notwist beim Rock Herk 2016

Ungefähr eine mittelprächtige walisische Torschussdistanz von Belgien entfernt aufgewachsen, habe ich schon in jungen Jahren das popkulturelle Angebot zu schätzen gelernt, das gerade im Sommer in unserem Nachbarland auf der Karte steht: Festivals, Festivals, Festivals. Natürlich sind da seit ewigen Zeiten die beiden Klassiker »Rock Werchter« (vormals »Torhout Werchter«) und »Pukkelpop«. Aber eben auch etliche, kleine, mit viel Liebe ausgerichtete Festival, die immer wieder ein phantastisches Line-Up zusammenkriegen. Das war schon in den 90ern so. Weiterlesen

Charles Bradley: Endlich Zahltag!

Ultimo 13-16, Seite 20

Die Soul-Version der Tellerwäscher-Millionär-Geschichte: Früher einmal Koch, ist Charles Bradley heute ein Star, eine unglaubliche Rampensau und am 12. Juli live in Münster.

Mach immer weiter! Irgendwann kommt der Moment, in dem sich all Deine Mühen gelohnt haben werden. Klar, diese Sätze könnten ohne weiteres aus dem Tagebuch von Olli Kahn stammen. Mindestens ebenso klar und ohne weiteres fassen sie aber auch die Lebensgeschichte eines anderen Niemals-Aufgebers zusammen. Seit rund fünf Jahren erntet Charles Bradley, was er in den Jahrzehnten zuvor gesät hat.

Die ersten fast 50 Jahre seines Lebens hat es im Grunde zwei verschiedene Charles Bradleys gegeben: hier der ohne Vater aufgewachsene Überlebenskämpfer, der obdachlose Jugendliche, den ein Hilfsprogramm von der Straße holt und zum Koch ausbildet, der Streuner und Gelegenheitsarbeiter; dort der Musikliebhaber mit der großartigen Stimme und der Riesenportion Feuer im Hintern, der im Alter von 14 mit seiner Schwester ein Konzert von James Brown besucht und sofort für den Soul entflammt, der über die Jahrzehnte in etlichen Bands singt, der in Soul-Shows den James Brown mimt, weil er nicht nur klingt wie der King of Soul, sondern auch so tanzt, der es trotz dieser Talente aber allenfalls zu lokalem Ruhm am jeweils aktuellen Wohnort bringt – mal in Kalifornien, mal in seiner Heimat Brooklyn. Ein Riesentalent, für immer gefangen in einem allzu engen Netz namens Leben. Bis, ja bis Ende der 1990er-Jahre er dann plötzlich doch noch kommt, dieser Moment, der alle bisherigen Mühen belohnt. Bradley wird entdeckt. Weiterlesen

Radio Birdman: Legenden des Aussie-Radau

Foto: Bob King
Foto: Bob King

Sie brachten einst den Punk nach Australien. Am 8.7. spielen Radio Birdman im Gleis 22.

Der Sommer 1974 war eine brillante Zeit für große Treffen und Legendengeburten. Auf der Nordhalbkugel der Erde, genauer gesagt in München, traf ein von Gerd Müller auf die Reise geschickter Ball am Niederländer Jan Jongbloed vorbei das Netz eines Tores. Viel wichtiger war aber ein Treffen, das sich nahezu zeitgleich auf der Südhalbkugel ereignete, genauer gesagt in Sydney. Dort lernte ein junger, zwei Jahre zuvor nach Australien übergesiedelter US-amerikanischer Medizinstudent namens Deniz Tek einen einheimischen Surfer-Boy namens Rob Younger kennen.

Tek hatte aus seiner Heimat den Sound berühmter Nachbarn mitgebracht: Iggy und die Stooges kamen wie er aus Ann Arbor. Gleich um die Ecke in Detroit wohnten mit MC5 noch mehr Proto-Punk-Helden. Im Sinne dieser Bands und mit dem festen Willen, gegen das komplette Musikestablishment anzurebellieren, wollte auch Deniz Tek seine Gitarre derart brachial beackern.

Er musste Younger nicht lange überreden. Aus dem Surfer wurde ein Sänger – bereit, sich die Seele aus dem Leib zu bellen. Gemeinsam mit dem Organisten Pip Hoyle und weiteren Mitstreitern gründete das dynamische Duo eine Band. Als Verneigung vor den Stooges und Zitat eines ihrer Songtexte gemeint, entsprang deren Name letztlich einem akustischen Missverständnis. Tatsächlich sang Iggy »Radio burnin‘«. Tek, Younger, Hoyle und die anderen aber nannten sich Radio Birdman und gingen auf Sendung. Und der Punk kam nach Australien. Weiterlesen

Protest statt Piepmatz: Shearwater mit zornig zärtlichem Album auf Tour

Ultimo 12-16, Seite 20

Auf der Tour zum musikalischen Sprung nach vorn kommt Shearwater am 29.6. auch nach Münster.

Wenn Jonathan Meiburg nicht gerade eine Gitarre in der Hand, Pianotasten unter den Fingern oder ein Mikrofon vor dem Gesicht hat, beschäftigt er sich normalerweise mit der Artenvielfalt der Vögel. So könnte man zumindest annehmen: Bis zur Veröffentlichung von »Jet Plane and Oxbow« im Januar tauchte irgendwie ständig und überall Gefieder im Zusammenhang mit den Alben seiner Band Shearwater auf – auf den Covern, in den Liedtiteln, in den Texten, in den Booklets.

Letztlich trägt ja sogar die Band des studierten Ornithologen Meiburg einen Vogelnamen. Shearwater ist der englische Begriff für den Großen Sturmtaucher. Puffinus gravis, wie der Lateiner sagt, wenn er über diesen Seevogel spricht. Und plötzlich enthält das neue Album keinen einzigen Piepmatz mehr – nicht auf dem Cover, nicht in den Liedtiteln, nicht in den Texten. Was ist denn da los, Herr Meiburg? Weiterlesen

»Lit.Eifel«-Lesung in Eupen: Vier Jahrzehnte, vier Stimmen

Grenzecho, 11. Juni 2016, Seite 21

Schriftstellerisch raffiniert und bis ins Poetische einfühlsam erzählt Shida Bazyar die Geschichte einer iranischen Familie, die in den nachrevolutionären Wirren nach Deutschland fliehen muss. Mit einer Lesung aus »Nachts ist es leise in Teheran« eröffnet die Autorin am 14. Juni im Eupener Jünglingshaus den ostbelgischen Teil der diesjährigen »Lit.Eifel«.

Teheran im Jahr 1979: Der Schah ist gestürzt. Jetzt kann die Revolution zu ihrem guten Ende geführt werden. Behsad Hedayat ist 27 Jahre alt, er fungiert als Sprecher der kommunistischen Gruppierung Teherans und schon bald wird sich sein Wunsch vom guten Ende als unerfüllbar erweisen. Vor kurzem noch im Kampf gegen den Schah vereint, ringen nach dessen Fall Kommunisten und Religionsfanatiker um das Erbe. Und es sind nicht Behsad und die seinen, die aus diesem Ringen siegreich hervorgehen. Sie haben die Flugblätter. Die anderen haben die Gewehre.

In diesem Setting nimmt der Debütroman von Shida Bazyar seinen Ausgang. Bis in unsere Zeit hinein verfolgt die in Berlin lebende Autorin in »Nachts ist es leise in Teheran« das Schicksal von Behsad und seiner Familie. Ein raffinierter Kniff eröffnet dabei gleich mehrere Perspektiven auf die Geschichte: In Zehnjahresschritten bewegt sich der Roman voran, wobei in jedem dieser großen Kapitel ein anderes Familienmitglied den Platz des Erzählers oder der Erzählerin einnimmt. Weiterlesen

Fußball-Diskussionskultur: Vor die Hunde

Mannschaftsbild mit Gardine

Gilt das eigentlich auch heutzutage noch, dass man hinterher immer schlauer ist? Bitte gar nicht erst losüberlegen, es handelt sich um eine rhetorische Frage. Natürlich ist auch an mir nicht die Erkenntnis vorbeigelaufen, dass Mensch in unserer Zeit schon vorher schlauer ist – weit vorher. Erst neulich war dieses Schauspiel wieder millionenfach zu beobachten: Kaum hatte Bundes-Jogi sein vorläufiges Aufgebot für die kommende Europameisterschaft benannt, brach der Sturm auch schon los.

Der »ahnungslose Badener« hatte einmal mehr die falschen Leute auf seinen Zettel geschrieben und die wirklich wahren Heilsbringer des deutschen Fußballs einfach nicht berücksichtigt. So wird das nix mit dem Titel. Überhaupt nix. Garantiert. Es kann ja nicht immer so glücklich laufen wie vor zwei Jahren, als Deutschland trotz und nicht wegen des »Pullover-über-die-Schulter-Trägers« Weltmeister wurde. So der Tenor der Couch Coaches – vier Wochen vor Turnierbeginn. Noch kein Ball rollt, aber Schland ist schon sicher ausgeschieden. Leute, bitte.

Fußball ist fraglos zum Diskutieren da. Wie sonst sollte man die Zeit zwischen den Spielen totschlagen? Aber irgendwie hat sich der Ton solcher Diskussionen verändert. Wenn es denn überhaupt zur Diskussion kommt. Meist wird jeder Meinungsaustausch von vornherein in Großbuchstaben abgewürgt. Statt »Ich hätte eher Schmelzer nominiert.« heißt es »SCHMELZER!!!!1!«, statt »Ob sich Podolski noch einmal wird durchsetzen können?« lautet die Frage: »Was soll das Maskottchen Lululukas denn da???« Hauptsache, man ist das mal losgeworden, verdammte Scheiße!

Ganz im Ernst: Diese Simulation von Allwissenheit ohne jede Grundlage, dafür aber mit aggressivem Hintergrundrauschen nervt kolossal. Natürlich müssen wir alle gerade um ein großes Turnier herum über Fußball reden. Aber eben über Fußball. Und irgendwie miteinander. Und mit dem Hauch einer Chance auf Spaß. Sonst können das all die Social-Media-Bundestrainer auch einfach wieder ihrem Hund vom Sofa runter erzählen. Dem war das total egal, ob man hinterher schlauer war. Oder vorher. Oder gar nicht.

Für die Juni-Ausgabe des Bonner Stadtmagazins »Schnüss« haben Kollegin Gitta und ich unsere Meinungen zu den Millionen Bundestrainern auf ihren Sofas abgeglichen. Bei ihr kamen die Allesvorherwisser deutlich besser weg.

Deutsches Museum Bonn: Stop that train

Eingangsbereich Deutsches Museum Bonn
Pressefoto

Zuschuss streichen, Vertrag kündigen, Mietvertrag nicht verlängern: Im Mai 2015 beschloss der Rat der Stadt Bonn faktisch das Ende der hiesigen Dependance des Deutschen Museums. Wie ist es zwölf Monate später um das Haus in der Ahrstraße bestellt? Hat es eventuell doch eine Zukunft?

Es klingt fast wie eine technische Sensation: Wenn es nach dem Willen der Bonner Stadträte geht, wird im kommenden Jahr wirklich ein Transrapid durch deutsche Lande fahren. Hierzulande entwickelt, hat die Magnetschwebebahn außerhalb von Shanghai nie irgendeine Form von Regelbetrieb aufgenommen. Zugegebenermaßen bliebe das auch künftig so. Die 2017er-Fahrt würde ein ebenso einmaliges wie kostspieliges Vergnügen werden, das der Transrapid nicht einmal aus eigener Kraft bewältigen könnte. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die vermeintliche Sensation also als handfeste Enttäuschung – nicht zuletzt für den Wissenschaftsstandort Bonn.

Denn wenn sich die Bahn tatsächlich auf den Weg machte, wäre das Aus des Deutschen Museums Bonn (DMB) besiegelt. Mit dem Wahrzeichen und größten Ausstellungsstück des Hauses würden auch alle übrigen Exponate ins Mutterhaus nach München geschafft werden. Und während die Rechnung für diesen Mammut-Transport ins Bonner Rathaus flatterte, würde die Museumsmeile auf Museums-500-Yards zusammenschrumpfen und das naturwissenschaftlich-technische Puzzleteil ihres Ausstellungsverbundes verlieren. Wer je auf der Suche nach einer klassischen Lose-Lose-Situation war: Bitteschön. Weiterlesen