Liebe in Zeiten der Netz-Ära

Über zwei Jahre sind Dirk (38) und Kathi (24) schon ein Paar. Seit ihrer Hochzeit im Juli 2010 verbringen die beiden täglich etliche Stunden miteinander. Gesehen haben sie sich in dieser Zeit nur sporadisch. Er lebt in Köln, sie in Duisburg. Was die beiden gemeinsam unternehmen und erleben, geschieht fast ausschließlich in ihren Computern – getauschte Ringe inklusive.

Secret City – ein Name wie aus einem Indiana-Jones-Film. Doch dahinter verbirgt sich nicht etwa ein vergessener Tempelkomplex im kambodschanischen Dschungel. Secret City ist eine deutschsprachige Internet-3D-Welt, eine virtuelle Stadt voller animierter Chat-Räume, in denen sich Tag für Tag die Avatare mehrerer hundert User aus Deutschland, Österreich und der Schweiz tummeln. Während ihre Denker und Lenker daheim vor dem Rechner sitzen, treffen sich die ferngesteuerten Figürchen auf Partys, hängen am Strand oder in virtuellen Appartements ab und plaudern mit alten und neuen Bekannten. Nichts muss, alles kann. Benutzer, die 20 Euro pro Monat investieren und ihre Volljährigkeit nachweisen, können per Mausklick sogar sexuell aktiv werden. »Pixeln« nennt das der stadtinterne Volksmund. Fotomodel, Diskjockey, Aufreißer: In Secret City darf jeder sein, was und wie er will. Vielen bietet diese Plattform eine moderne Möglichkeit der Realitätsflucht. Der vergleichsweise triste Alltag bleibt draußen. Willkommen in der Matrix.

Hier sind sich Kathi und Dirk eines Tages über den Weg gelaufen – oder vielmehr ihre Alter Egos Bibble und Koelnerbub. Aus Neugier wurde im Laufe langer Gespräche Zuneigung und schließlich Liebe. »Das Äußere spielt hier keine Rolle. Darum lernt man den Charakter des anderen viel intensiver kennen als in der realen Welt«, glaubt Kathi. Gleichzeitig birgt diese körperlose Form der Annäherung aber auch die Gefahr, die Katze im Sack zu kaufen. Nicht jeder Benutzer begreift Secret City als verlängerten Arm des eigenen Lebens. Für manche ist das Ganze lediglich ein Spiel und die Gelegenheit, sich selbst im wahrsten Sinne völlig neu zu erfinden. Prallen diese beiden Ansichten aufeinander, werden bisweilen Gefühle verletzt. Davon, dass Chatfenster mindestens ebenso geduldig sind wie Papier, kann Kathi auch ein Lied singen. Dirks Vorgänger entpuppte sich letztlich als Frau, die sich in Secret City einmal als Mann ausprobieren wollte. »Vielleicht hätte ich es merken können«, blickt die über Monate Geprellte zurück. »Telefonate wurden kategorisch abgelehnt, ein verabredetes Treffen aus einem fadenscheinigen Grund kurzfristig abgesagt.« Ähnliche Vorkommnisse im Bekanntenkreis hätten ihr Misstrauen zusätzlich wecken können. Doch erst mit dem Geständnis des vermeintlichen Partners fand ihr Vertrauen in das Gegenüber ein jähes und schmerzhaftes Ende. Dass Kathi über diese Episode inzwischen lachen kann, liegt nicht zuletzt an Dirk.

Er hat ihr den Glauben an Ehrlichkeit im Chat zurückgegeben. Zweifel an seiner Authentizität zerstreuten sich spätestens nach dem ersten Telefonat. Als die beiden erstmals leibhaftig voreinander standen, sprang der Funke auch real über. Virtuell hatten sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits das Ja-Wort gegeben. Allen unbegrenzten Möglichkeiten zum Trotz steht diese vergleichsweise altmodische Tradition bei der Stadtbevölkerung hoch im Kurs. Diverse Pfarrerteams bringen Mann, Frau und alles dazwischen unter passende Hauben. Der zugehörige Nachwuchs lässt sich sogar noch informeller finden: Analog zum Vater-Mutter-Kind-Spiel in der KiTa erklären sich die Benutzer gegenseitig zu Sohn, Oma oder Großcousine. In Kombination mit einer extrem hohen Scheidungsrate und der Tatsache, dass manche User etwa einmal pro Monat heiraten, entstehen so Patchworkclans teils biblischen Ausmaßes. Für die Hochzeit von Kathi und Dirk waren derartige Spielereien allerdings nicht der Grund. »Wir wollten einfach nur öffentlich machen, wie sehr wir uns freuen, einander begegnet zu sein«, spricht Dirk für die beiden. »Denn nicht im Traum hätten wir gedacht, ausgerechnet in einem Chat jemanden zu finden, der uns einmal so wichtig werden kann.« Pläne für ein gemeinsames Leben 1.0 schmiedet das Paar dennoch vorerst nicht. In der Realität bleibt er in Köln, sie in Duisburg. Abgesehen von sporadischen Besuchen beieinander, leben die beiden ihre Partnerschaft dort, wo sie entstanden ist: in Secret City. Ihrer gemeinsamen Matrix.

Ursprünglich erschien dieser Artikel in der Maiausgabe des Bonner Stadtmagazins »Schnüss«.
Offenlegung: Im Auftrag einer Agentur habe ich 15 Monate lang einen monatlichen Newsletter für die User von Secret City erstellt. Dieser Auftrag besteht seit dem Frühjahr 2011 nicht mehr.

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