Hipphipphurra ist bald woanders

Alle Jahre wieder rief die Alemannia ihre Mitglieder zur Versammlung ins beschauliche Eilendorf. Über vier Jahrzehnte lang wurde hier bei Bier und Bockwurst Vereinsgeschichte geschrieben. Tragikomische Episoden inklusive. In Zukunft muss dies an anderer Stelle geschehen. Das Saaltheater Geulen wird abgerissen. Ein letzter Besuch.

Der hochrote Kopf lässt erahnen, dass die Bitte um eine kurze Vorstellung seiner Person den designierten Alemanniapräsidenten erzürnt hat. Langsam lehnt er sich im Stuhl nach vorne. Seine leger gemeinte Antwort knallt wie eine Ohrfeige in das Mikrofon: »Wer mich nicht kennt, hat die Zeit verpennt.« Ende der Durchsage. Ein Raunen geht durch den Saal. Verdutzt schauen sich die Anwesenden an. Wenige Minuten später heben die meisten von ihnen dennoch den Arm und Hans Bay somit ins Amt. Es bedarf eben mehr als massiver Selbstüberschätzung und Dampfhammerrhetorik, um eine Wahl ohne Gegenkandidat zu verlieren. Mit inzwischen wieder normaler Gesichtsfarbe lässt sich der neue stärkste Mann im Verein feiern. Jubel. Trubel. Heiterkeit. Szenen einer Jahreshauptversammlung im Herbst 1999.

In die Jahre gekommen

Gut sieben Jahre später liegt der Ort dieses Geschehens friedlich im Halbdunkel. Vor der leeren Bühne stehen rosa gedeckte Tische in Reih und Glied. Zwischen Girlanden und Luftschlangen baumeln Ballons in Trauben von der Decke. Es wirkt wie die Ruhe vor dem letzten Sturm. Noch ein paar Karnevalssitzungen, noch eine Handvoll Konzerte, dann wütet die Abrissbirne durch das historische Gebäude, um Platz für Wohnbebauung zu schaffen. Bis auf die denkmalgeschützte Fassade soll alles dem Erdboden gleich gemacht werden. Auch die an die Veranstaltungsräume angeschlossene Wirtschaft, in der jede Alemanniaversammlung ihren gemütlichen Ausklang fand. Wie überall im Saalbau ist auch hier Nostalgie Trumpf. In die Jahre gekommene Plakate und Bilder zieren die Wände. Jeder Einrichtungsgegenstand könnte Geschichten erzählen. Den größten Anekdotenschatz bietet allerdings der Besitzer des Ganzen selbst, der bei einer Tasse Kaffee an einem der Tische sitzt.

Obwohl kurz vor seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag stehend, ist Hubert Geulen mit seinen wachen Augen und dem freundlichen Lächeln das jugendlichste Element im Raum. Allenfalls der silberne Haarkranz um seinen Kopf lässt Rückschlüsse auf sein Alter zu. Schon früh am Vormittag ist er mit Anzug und Krawatte akkurat gekleidet. Es passt zu seinem Erscheinungsbild, dass der gelernte Kaufmann preußische Tugenden wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit als sein Erfolgsrezept nennt. Die Alemannia kennt er nur als alljährlichen Gast. Für das sportliche Geschehen an der Krefelder Straße interessiert sich der Gastronom nicht sonderlich. Dazu bleibt auch gar keine Zeit. Schließlich laufen seit fast fünfeinhalb Jahrzehnten alle Fäden des Familienbetriebes bei ihm zusammen. Das Saaltheater ist ein Fulltimejob. Und sein Lebenswerk.

Ausverkaufte Artenvielfalt

Nach abgeschlossener Ausbildung hatte der gebürtige Eilendorfer erste Erfahrungen in der Geschäftsführung des Kölner Kaiserhof-Varietés gesammelt. Er blieb nicht lange am Rhein. Der Vision eines eigenen Veranstaltungsortes folgend machte sich der nicht einmal 20-Jährige an der heimatlichen Von-Coels-Straße selbständig. Zur Premiere am 16. Mai 1952 konnte er prompt volles Haus vermelden. Alle wollten die »10 Kanonen vom Funk« sehen. Für 1,50 DM pro Person. Das Ausverkauft-Schild hat seitdem unzählige Male an der Tür gehangen. Charles Aznavour, Peter Alexander, Caterina Valente. Jeder mit Rang und Namen in der Show-Branche hat über die Jahre seine Visitenkarte im Saaltheater Geulen abgegeben. Bei der Zusammenstellung des Programms hat sich Hubert Geulen nie auf bestimmte Musikrichtungen festgelegt.

Jazz- und Klassikfreunde konnten in seinen Hallen genauso auf ihre Kosten kommen wie Anhänger von Volks- oder Schlagermusik. »Am einen Tag die Höhner, am nächsten ich und danach Howard Carpendale. Das findet man sonst selten in Deutschland«, brachte Helge Schneider die musikalische Artenvielfalt einmal auf den Punkt. Allen Künstlern bot ihr Gastgeber absolute Professionalität in familiärer Atmosphäre. Mit einem verbindet ihn noch heute mehr als eine respektvolle Geschäftsbeziehung. Udo Jürgens ist im Verlauf vieler gemeinsamer Veranstaltungen zu einem guten Freund geworden. Sage und schreibe 42 mal hat »der Udo« in »Huberts Wohnzimmer« am Flügel gesessen. Nach den Auftritten nahm er bisweilen sogar die Geulensche Waschmaschine in Anspruch. Weichspüler für das harte Showgeschäft.

Auf der Zielgeraden

Hubert Geulen könnte mit solchen Erinnerungen ganze Bücher füllen. Pointiert weiß er sie zu erzählen, gibt Anekdote auf Anekdote zum Besten. Einmal angeworfen, macht jedes Augenzwinkern, jedes verschmitzte Grinsen deutlich, dass unter der preußischen Schale ein waschechter Rheinländer steckt. Mittlerweile ist der Kaffee vor ihm fast unberührt erkaltet. Unterbrochen werden die gestenreichen Ausführungen nur durch das von Zeit zu Zeit klingelnde Telefon. Kartenbestellungen, Terminabsprachen, Buchungsbestätigungen. Auch auf der Zielgeraden gibt es noch einiges zu koordinieren. Schließlich ist die fünfte Jahreszeit in vollem Gange. Die letzte Session im Saalbau soll genau so ausgiebig gefeiert werden wie all die anderen zuvor. Am 28. Februar fällt der letzte Vorhang. Eine Investorengruppe übernimmt dann das gesamte Areal.

Als sein Nochbesitzer vor etwa fünf Jahren erstmals mit dem Gedanken ans Kürzertreten spielte, war von Abriss noch keine Rede gewesen. Schweren Herzens hat er sich für diesen radikalen Schlussstrich unter sein Schaffen entschieden. Gerne hätte er das Theater zum Weiterbetrieb in gute Hände gegeben. Familienintern fand sich jedoch kein Interessent. Sohn Jörg und Tochter Elke winkten frühzeitig ab. Ihr Vater machte sich auf die Suche nach einem Nachfolger von außen. Am Ende erfolglos. Keiner der Bewerber konnte überzeugen. Als letzte Alternative blieb das Kaufgebot der Real Estate GmbH & Co KG. Anfang November vergangenen Jahres ging Hubert Geulen nach reiflicher Überlegung mit seinem Entschluss zum Verkauf an Presse und Öffentlichkeit.

Zwischen Einnicken und Abnicken

Seither hat er viele Rückmeldungen erhalten. Verständnis und Bedauern gleichermaßen. Beides empfand auch Leo Führen, als er aus der Zeitung von den Plänen um das Saaltheater erfuhr. Ähnlich oft wie Udo Jürgens hat Alemannias Ehrenpräsident hier am Mikrofon gestanden. Ohne Zugabe im Bademantel, aber mit enthusiastischer Rede und Hipphipphurra. Manchmal war er das einzige Highlight zwischen Jahresbericht der Abteilungen und Satzungsänderung, zwischen Einnicken und Abnicken. Vielen Präsidien hat er auf der Bühne zu ihrer Wahl gratuliert, genau so viele wieder aus dem Amt scheiden sehen. Auch den schrecklichsten Moment der schwarz-gelben Versammlungsgeschichte hat er aus nächster Nähe miterlebt. Ohnehin chronisch klamm war die Alemannia 1989 noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Die Opposition hatte in Geschäftsführer Bert Schütt den Hauptschuldigen für diese Misere ausgemacht. Ein Wort gab das andere.

Es kam zu tumultartigen Szenen, als der heftig Angegriffene plötzlich in seinem Stuhl zusammensackte. Erste Hilfe Versuche scheiterten. Auch der herbeieilende Notarzt konnte das traurige Schicksal nicht mehr abwenden. Bert Schütt erlag noch im Saal einer Herzattacke. Auf der Stelle wurde die Versammlung abgebrochen. Allen Drittligaquerelen und drohenden Insolvenzen zum Trotz, blieben die Sitzungen der Alemannia seitdem von Ähnlichem verschont. Die Eilendorfer Jahre der Schwarz-Gelben gingen ohne weitere Negativerlebnisse zu Ende. Für die Zukunft ist mit dem Eurogress eine passende Lokalität gefunden, die auch die Menschenmassen des aufstiegsbedingten Mitgliederbooms fassen kann. Familiäre Atmosphäre wird man dort aber vergeblich suchen.

Natürlich hat auch Hubert Geulen bereits Pläne für die Zeit nach dem Abriss gemacht. Glaubhaft versichert er, sich auf keinen Fall komplett aufs Altenteil zurückziehen zu wollen. Solange es die Gesundheit zulässt, möchte er der Show-Branche vielmehr als Betreiber einer kleinen, aber feinen Konzertagentur erhalten bleiben, um bekannte Künstler in die Region zu holen. Wenn »Freund Hubert« ruft, ist auch Udo Jürgens mit von der Partie. Wo dieser dann nach dem Auftritt seine Wäsche waschen wird, ist allerdings noch unklar.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in Ausgabe 10 des Alemannia-Fanmagazins »In der Pratsch« im Januar 2007.

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