Ultrakurze Leitung

Handy, Internet, TV: Es gibt heutzutage eine Menge Möglichkeiten, das Spielgeschehen zu verfolgen, wenn man einmal nicht live im Stadion dabei sein kann. Doch schon auf den zweiten Blick trennt sich die oberflächliche Spreu vom informativen Weizen. Wie schön, dass es auch im Zeitalter der multimedialen Komplettbespaßung immer noch den guten, alten Hörfunk gibt.

Dass SMS zum Austausch kurzer Nachrichten gedacht sind, merkt der verhinderte Stadionbesucher spätestens, wenn er sich am Spieltag von diesen Diensten abhängig macht. Weil sich die meisten auf das Mitteilen von Toren, Auswechslungen, Halbzeit- und Endständen beschränken, bleibt alles Weitere der Vorstellungskraft des Empfängers überlassen. Internet-Liveticker präsentieren sich zwar deutlich ausführlicher. Aber auch durch nett animierte Bildchen verlieren deren immer gleiche Formulierungen nicht ihre auf Dauer ermüdende Nebenwirkung. Nur überdurchschnittlich lethargischen Zeitgenossen bietet neunzigminütiges Anstarren des Videotextes einen gewissen Unterhaltungswert. Wer nach einem 0:0 der eigenen Mannschaft nicht das Gefühl hat, bei dieser Beschäftigung anderthalb Stunden seines Lebens verschenkt zu haben, darf sich mit Fug und Recht zu den Großmeistern der Fußballmeditation zählen. All diese Informationsquellen haben ohnehin eines gemeinsam: Ihre Suppen schmecken ungesalzen. Während einer Partie entstehende Emotionen sind auf diesen Wegen schlicht unvermittelbar.

Ohne Punkt und Komma, mit Hand und Fuß

Ganz andere Möglichkeiten hat diesbezüglich hingegen das Radio. Je heißer es auf dem Rasen hergeht, desto ungebremster knallt die Atmosphäre aus dem Lautsprecher. Im Hintergrund rumoren die Massen, während die Stimme im Vordergrund erzählt, wie und warum es steht. Damit der Funke beim Zuhörer aber wirklich überspringt, müssen die Reporter einiges an Handwerkszeug mitbringen. Improvisationstalent, Wortgewandtheit und Fußballsachverstand machen den Unterschied zwischen gehaltloser Schwafelei und fesselnder Berichterstattung. Anhänger der Alemannia haben sich in dieser Hinsicht von jeher nicht beschweren können. Zu Zeiten der Oberliga West lockte niemand geringerer als Kurt Brumme, immerhin Erfinder der Konferenzschaltung, schwarz-gelbe Menschentrauben vor die Volksempfänger. Mit Jochen Hageleit und Eddie Körper haben sich in den Jahrzehnten danach weitere Granden der Fußballhörfunkübertragung an der Krefelder Straße Klinke und Mikrofon in die Hand gegeben.

Auf der Pressetribüne des Tivoli findet sich auch in der Gegenwart gleichermaßen eloquentes wie fachkundiges Radiopersonal: Tom Adrian vom Regionalsender »100,5 – Das Hitradio« beispielsweise, oder Stephan Kaußen von WDR2. Wenn diese beiden das Geschehen auf dem Feld schildern, tun sie dies ohne Punkt und Komma, aber jederzeit mit Hand und Fuß. Beide wissen hörbar, wovon sie sprechen. Ein Umstand, der nicht zuletzt daran liegt, dass sie früher selbst allsonntäglich gegen den Ball getreten haben. Für Breitensportansprüche sogar relativ hochklassig. Adrian lief für Germania Teveren als Rechtsaußen auf, während Kaußen unter anderem bei Borussia Brand die linke Bahn beackerte. So gegensätzlich ihre damaligen Positionen waren, so unterschiedlich gehen sie an ihre heutige Aufgabe heran. Denn auch wenn Aachens UKW-Flügelzange am Spieltag kaum drei Meter voneinander entfernt sitzt, ihre Sender nur wenige Zehntelfrequenzpunkte auseinander liegen, trennt sie in der Art und Weise ihres Kommentierens mindestens eine Spielfeldbreite. Hohen Unterhaltungswert kann man keinem der beiden absprechen.

Ritt auf der Rasierklinge

Stephan Kaußen ist der Sachliche dieses ungleichen Duos. Dennoch beweist er bei jedem seiner Tivoli-Einsätze eindrucksvoll, dass Objektivität beim Hörer nicht zwangsläufig zu Langeweile führen muss. Schon als Teenager hat der gebürtige Aachener in den frühen Achtzigern furiose Spiele auf dem Tivoli erlebt, seither alle Höhen und Tiefen mitgenommen. Sein Herz schlägt für die Alemannia, doch sein Mund darf sich das nicht anmerken lassen. Schließlich verlangt der WDR von seinen Reportern Unvoreingenommenheit. Kaußen hat mit dieser Stallorder keinerlei Probleme. Er ist Profi genug, sich am Mikrofon nicht aus der schwarz-gelben Reserve locken zu lassen. Ohnehin hat der 39-Jährige selbst den Anspruch, »jede Partie vollkommen unparteiisch zu schildern. Auch die der Alemannia. Vielleicht sogar gerade die.« Diese selbst auferlegte Neutralität hat für ihn aber nichts mit Zurückhaltung zu tun. Er versteht es, Spielszenen mitreißend zu beschreiben, startet so bei seinen Hörern das ganz große Fußballkopfkino.

Der Alemanniafan in ihm hat während der Arbeit Pause, der Fußballfan nicht. Und der Journalist erst recht nicht. Bei Interviews nach dem Spiel scheut er nicht davor zurück, auch einmal unbequeme Fragen zu stellen. Uli Hoeness quittierte eine seiner forschen Gesprächseröffnungen einst mit einer Gegenfrage: »Junger Mann, haben sie in ihrem Leben schon einmal eine intelligente Frage gestellt?« Unbeeindruckt hakte der junge Mann nach und bekam alle Antworten, die er wollte. Sein denkwürdigstes Interview fand allerdings fernab des Fußballs statt. Aachens Vorzeigefaustkämpfer Mario Guedes hatte gerade den Titel des deutschen Schwergewichtsmeisters erboxt, als er im Eilendorfer Saaltheater Geulen ans Mikrofon trat. »Er stand da mit dem Gürtel, vollkommen ausgepumpt und immer noch mit Adrenalin aufgeladen. Ich fragte ihn, ob er den Sieg nicht nur seinem Bonus als Lokalmatador verdanke.« Ein Ritt auf der Rasierklinge. Doch der frischgebackene Champion konterte lediglich verbal. »Er hat sehr gelassen reagiert. Noch heute bin ich glücklich, dass er mich nicht einfach aus der Hose gehauen hat.«

Paar aufs Maul

Auch Tom Adrian ist in Ausübung seines Berufes vor einiger Zeit haarscharf an einer Schlägerei vorbeigeschrammt. Im Frühjahr 2006 hatte er Alemannias Führungstreffer in Braunschweig derart ausgelassen bejubelt, dass jeder südamerikanische Reporter vor Neid erblasst wäre. Ein Braunschweiger Zuschauer auf dem Tribünenplatz unter seiner Sprecherkabine sah rot. »Wenn du jetzt noch einmal Tor rufst, hau ich dir ein paar aufs Maul. Versprochen!«, drohte der Heißsporn. Einlösen musste er sein Versprechen nicht. Zum Glück fielen keine weiteren Tore. Aller gesundheitlichen Gefahr zum Trotz, hätte Adrian wahrscheinlich auch diese gefeiert. Der 34-Jährige kann gar nicht anders, sieht sich in erster Linie als Fan, der anderen Fans vom Spiel des gemeinsamen Lieblingsvereins erzählt. Bei den Übertragungen macht er keinen Hehl aus seiner Vorliebe für die Schwarz-Gelben. Mit Objektivität hat er nichts am Hut. In Anbetracht der Sendereichweite seines Arbeitgebers durchaus bemerkenswert.

Immerhin ist dieser von Lüttich bis nach Köln empfangbar. Sofern ihre Traktoren mit Radios ausgestattet sind, können sogar die Menschen im Mönchengladbacher Borussenland »Das Hitradio« hören. Sieht man von Begegnungen wie der in Braunschweig ab, erhält Adrian trotzdem fast ausschließlich positive Rückmeldungen. Sie bestärken ihn in der Ansicht, am Spieltag den richtigen Ton zu treffen. »Wenn ich auf Sendung bin, mache ich mir keine großen Gedanken um Form oder Formulierung. Dann rede ich einfach genau so, wie ich es mit Freunden auf der Tribüne tun würde.« Und tatsächlich spricht er oft genau das aus, was im selben Moment etliche Anhänger auf den Rängen denken. Obwohl er jeden Aachener Spieler beim jeweiligen Spitznamen nennt, gelingt ihm dabei aber der Spagat zwischen emotionaler und seriöser Berichterstattung. Bei aller Parteinahme kommt weder die nötige Fairness, noch der kritische Blick zu kurz. Adrian ist kein schwarz-gelber Jubelperser. Schlechte Leistungen werden nicht schön geredet. Wenn nötig, findet er deutliche Worte.

Ton aus, Radio an

Nur zu gerne würde Otto Normalzuschauer solche beizeiten auch von den Reportern im Fernsehen hören. Stephan Kaußen hat Mitte der Neunziger im Rahmen von Praktika bei DSF und Sat1 in das Arbeitsfeld der Kollegen hineingeschnuppert. »Fußballreporter im Radio und im Fernsehen sind zwei vollkommen unterschiedliche Berufe. Wir müssen mit unseren Worten pausenlos das fehlende Bild ersetzen. Die Kollegen können dieses einfach wirken lassen und somit längere Zeit schweigen.« Wenn sie es denn nur täten. Stattdessen hagelt es im TV Superlative. Da wird aus jedem halbwegs gefährlichen Kopfball die nächste sensationelle Weltklasseaktion, aus einem Grottenkick ein weiteres Highlight einer ohnehin unfassbaren Saison in der sowieso stärksten und spannendsten Liga aller Zeiten. Gibt das Geschehen auf dem Rasen nichts her, werden Themen aus der Boulevardpresse aufgegriffen oder auf der Basis von Gesichtsausdrücken psychologische Expertisen angefertigt.

Hektische Schnitte und endlos lange Großaufnahmen von der VIP-Tribüne verstärken den Eindruck, dass vor allem beim Privat-, Bezahl- und Spartenfernsehen der Sport schon lange nicht mehr im Mittelpunkt der Berichterstattung steht. All dies deckt sich mit Kaußens Auffassung von Medienarbeit nicht. Erst vor kurzem hat er ein entsprechendes TV-Jobangebot abgelehnt. Tom Adrian hingegen würde sich gerne einmal in der Welt der bunten Bilder ausprobieren. Erfahrungen hat er diesbezüglich noch nicht gemacht. Dennoch hat er schon in so manchem Aachener Wohnzimmer den Ton zur Mattscheibe geliefert. »Immer wieder schreiben mir Hörer, dass sie ihren Fernseher auf stumm schalten, um meinen Kommentar zum Spiel zu hören«, berichtet er nicht ohne Stolz. Neben einer Bestätigung seiner Arbeit ist dieses Feedback ein deutlicher Hinweis darauf, dass für viele verhinderte Stadionbesucher auch die Glotze keine wirkliche Alternative zum Radio darstellt. Wer will es ihnen verdenken? Und damit zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

Ursprünglich ist dieser Artikel im Januar 2009 in Ausgabe 13 des Alemannia-Fanmagazins »In der Pratsch« erschienen. Stephan Kaußen kommentiert in der Gegenwart immer noch Fußballspiele für WDR2. Mittlerweile ist Tom Adrian einer seiner Kollegen beim Kölner Sender. Das Pseudonym, das Adrian auf Wunsch seines damaligen Senders trug, hat er abgelegt. Er arbeitet jetzt unter seinem bürgerlichen Namen Marc Eschweiler.

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