Musik in 1.000 Zeichen: Various Artists – »Falscher Ort, falsche Zeit Volume 2«

Erst im Januar hat das Label Tapete einen Sampler rausgehauen, der viele offene Türen einrannte: »Falscher Ort, falsche Zeit« sammelte deutschsprachigen Powerpop und hiesige Modsounds der 1980er Jahre. Das Ding kam derart gut an, dass nicht einmal ein Jahr später schon eine Fortsetzung fällig wurde.

Kleinigkeiten haben die Kompilatoren verändert, etwa das Powerpop im Untertitel durch Undeground Pop ersetzt, weil es so einfach besser passt. Ansonsten wird der beim ersten Teil eingeschlagene Weg konsequent fortgesetzt. Insgesamt 17 teils unveröffentlichte Songs malen ein feines Bild von deutschsprachiger Musik, die es zwischen 1980 und 1993 nicht ganz nach oben schaffte. Mit Mut zum Unperfekten, wachen Texten, Uptempo und Klängen, die deutlich näher an The Jam als an Klaus Lage lagen.

Deutschland in den 80ern war für Postpunk, Wave, Mod und C86 einfach der falsche Ort zur falschen Zeit. Denjenigen, denen das scheißegal war, wird mit »Falscher Ort, falsche Zeit Volume 2« [Affiliate Link] nun zum zweiten Mal ein Denkmal gesetzt. Und als Hörer kann man das Jahr 2016 mit einem ebenso feinen Sampler verlassen, wie man es betreten hat.

Auf dem Soundcloud-Kanal des Labels kann man ein paar Songs des neuen Samplers hören. Viel Vergnügen.

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Musik in 1.000 Zeichen: Keegan – »Famous Last Words«

Das ist doch mal ein knackiges Ding, das Kölns Powerpop-Granden da mit Guido Lucas zusammengeschraubt haben. Keine Sekunde verschwenden Keegan bei ihren Songs. Ist die Geschichte zu Ende erzählt, ist sie zu Ende erzählt. Dann wird nicht mehr lange rumgemacht, sondern die nächste Geschichte begonnen.

Im Endeffekt ergibt das 16 unheimlich tighte Nummern, die im Schnitt unter drei Minuten brauchen, um sich in den Kopf der Hörenden zu fräsen. Denn »Famous Last Words« [Affiliate Link] besticht durch enorme Eingängigkeit und Melodien mit Hängenbleib-Garantie bei gleichzeitig unheimlich viel Schmackes. Powerpop, eben. Zwischendurch fühlt man sich an alte Helden wie Hüsker Dü oder Samiam erinnert.

Dass bisweilen auch die Kinks klanglich um die Ecke gucken, liegt sicher an der Herkunft von Hauptsongwriter Ian Maxwell. Mit feinen britischen Pop-Gitarren aufgewachsen, verbindet er diese seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten mit dem schraddelnden Indie der frühen Neunziger. Ein feines Schmankerl vom Rhein.

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Musik in 1.000 Zeichen: Línt – »Then They Came For Us«

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Im Grunde müsste man nur »sechsköpfige Postrock-Band aus Norwegen« schreiben und alle würden wissend nicken – nur dass sie in diesem Fall falsch lägen. Ja, Línt kommen aus Bergen und höchstwahrscheinlich werden sie in diesen Tagen und den kommenden Wochen nicht allzu viel Licht sehen. Ihre Musik aber hat nicht diese skandinavische Schwere, wie man sie von anderen Kollegen aus diesen Breitengraden kennt.

Irgendwie glimmt bei diesen acht Songs immer ein Fünkchen Dur mit. Ach, ein Fünkchen, das ganze Album »Then They Came For Us« [Affiliate Link] brennt durch und durch positiv. Jedes einzelne Stück erzählt in geduldig aufgebauter Dramaturgie eine Geschichte mit Happy End. Geduldig heißt hier übrigens keinesfalls langatmig. Ständig passiert etwas, wird eine neue Klangschicht auf die bereits bestehenden Instrumente gepackt.

Hier eine sirrende Gitarre, dort etwas Elektronik-Gebritzel und oben drauf falsetteske Stimmen, die vor allem klingen und erst dann Worte formen. In Summe macht das Zuhören über die Maßen Spaß. Ein tolles, erstaunlich leichtes Herbstalbum.

Im Soundcloud-Kanal von Línt kann man eine Idee davon gewinnen, wie die Band klingt.

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Musik in 1.000 Zeichen: Little Children – »f.f«

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Linus Lutti kann unheimlich gut zuhören. Wie sonst hätte er es neun Jahre lang geschafft, gleichzeitig als Therapeut und als Barkeeper zu arbeiten – quasi Tag und Nacht als offenes Ohr für anderer Leuts Sorgen. Irgendwann hatten ihm seine Klienten und Kunden jede Lebensfreude aus den Klamotten gequatscht und Linus beschloss, dass nun andere mit dem Zuhören dran seien. Er schmiss seine Jobs und warf sich in die Musik.

»f.f« ist das zweite Album, das er unter dem Pseudonym Little Children veröffentlicht. Neun Songs und 35 Minuten lang kann man ihn dabei beobachten, wie er sich aus der inneren Schwere befreit. Anfangs düster, schleicht sich mehr und mehr Licht in die Melodien. Zum Finale steht alles in gleißendem Strahlen da. Klanglich drängen sich gerade bei den Songs mit den bärenstark hymnischen Refrains Vergleiche zwischen den Dire Straits und Bruce Springsteen auf.

Auch inhaltlich passt das. Linus Lutti erzählt aus dem Alltag, von der Liebe und dem Leben. Das ist guter, alter, erdiger Rock, der sein Gegenüber ernst nimmt – eine Musik, die das Zeug zum Therapeuten hat. Oder zum Barkeeper.

Auf der Bandcamp-Seite der Little Children kann man »f.f« hören und bei Interesse auch erwerben.

Buchbesprechung: »Damaged Goods – 150 Einträge in die Punk-Geschichte«

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Der Punk, so munkelt man, wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Und der Ventil Verlag gratuliert ihm mit »Damaged Goods«, einem Buch gewordenen Mixtape.

Schon seit Januar ist in London der Teufel los. Englands Hauptstadt feiert den runden Geburtstag einer Bewegung, die ihr in jungen Jahren mächtig in die Straßen gepinkelt hat: Punk. Von offizieller Seite abgesegnet, läuft das Ganze auf den 26. November als Höhepunkt hinaus. An diesem Tag wurde dereinst die erste Sex-Pistols-Single veröffentlicht. »Anarchy in the UK« als Anlass einer riesigen Stadtmarketing-Kampagne: Sid Vicious würde staunen.

Joe Corré wiederum staunt nicht, sondern schäumt. Und weil ihn die offiziellen Geburtstagsfeierlichkeiten so zornig machen, wird der Sohn von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren am Feiertag einen ganzen Haufen kostbarer Punk-Memorabilia verbrennen. Live ins Internet gestreamt. Was nützt, die beste, potentiell öffentlichkeitswirksame Rebellion, wenn es keine Öffentlichkeit gibt?

Aber zurück zum Punk-Geburtstag: Auf der anderen Seite des Atlantik hat man den Party-Zenit schon hinter sich. Denn was den einen ihr »Get pissed! Destroy!«, ist den anderen ihr »Shoot ’em in the back now!«. In den US of A gilt gemeinhin der 23. April als Punk-Stunde-Null – das Erscheinungsdatum des Ramones-Debüts. Ob April oder November, immerhin ist man sich dies- und jenseits des Atlantiks einig: Es war das Jahr 1976, in dem das mit dem Punk begann. Vier Jahrzehnte »No Future«, also. Gratulation! Weiterlesen

Musik in 1.000 Zeichen: This Becomes Us – »This Becomes Us«

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Die drei Leute von Future Of The Left wissen auch nicht, wohin mit ihrer Kreativität. Was ein Output! Im Frühjahr erst haben sie ein Brett von einem Album abgeliefert, vor kurzem hat Gitarrist und Sänger Andy Falkous seine dritte Soloscheibe veröffentlicht und jetzt kommt auch noch Bassistin Julia Ruzicka mit eigenem Material. Und das hat es wahrlich in sich.

Klanglich besticht »This Becomes Us« [Affiliate Link] schon mal durch enormen Wumms. Wie es halt klingt, wenn man Musik auf dem Bass komponiert. Erst als alle zehn Songs standen, holte Ruzicka Art-Brut-Gitarrist Ian Wilson und ihren schlagzeugenden FOTL-Bandkollegen Jack Egglestone dazu. Doch damit nicht genug: Abgesehen vom instrumentalen Finale, wird jedes Lied von einem anderen Spezialgast gesungen. Black Francis von den Pixies ist dabei, Kristian Bell von den Wytches oder Chantal Brown von Vodun auch.

Versteht man die Musik als knarzende, wilde Leinwand, so bringt jede Stimme ihren persönlichen Pinsel und eigene Farbe mit. Insgesamt ergibt sich so ein enorm vielseitiges Indie-Noise-Album, das dank Ruzickas klarer kompositorischer Handschrift dennoch über erkennbare Stringenz verfügt. Big Hitter!

Drüben bei Bandcamp kann man »This Becomes Us« unter anderem komplett hören. Viel Spaß dabei.

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Musik in 1.000 Zeichen: Balkan Beat Box – »Shout It Out«

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Ihre musikalischen Reisepässe haben die drei Herren der Balkan Beat Box längst weggeschmissen. Wo sie mit ihrem Sound hingehen, gibt es keine Grenzen mehr. Auch auf Album Nummer Fünf verschwimmt alles ineinander, ohne dadurch zu einer unhörbaren Sauce zu werden.

Da sind Klezmer und Dancehall, da sind arabische Flöten, Saxophone und Sampler. Natürlich sind da auch Balkangitarren, bouncende Bässe und fette Beats in feinster Hip-Hop-Manier. Balkan Beat Box, eben. Vom ersten Moment an schnappt sich »Shout It Out« [Affiliate Link] den Hintern des Zuhörers und schüttelt ihn ordentlich durch. Zwischendurch darf der am Hintern hängende Mensch kurz verschnaufen, nur um gleich darauf wieder der Uptempo-Tanzeinladung zu verfallen.

Dieses Album ist einmal mehr ein freundlicher Mittelfinger in Richtung all der Leute, die World Music immer noch für verkopften New-Age-Kram halten. Das hier ist Weltmusik in Reinkultur. Und seltener war die mitreißender und tanzbarer. Shake your Snicker, shake it, shake it quicker.

Eine Idee vom Sound der Balkan Beat Box vermitteln die Stücke in deren Soundcloud-Kanal. Auch ohne Songs vom aktuellen Album.

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