Musik in 1.000 Zeichen: Max Jury – »Max Jury«

Max Jury - Max Jury

Eigentlich ist es schon ein starkes Stück, das Tagebuch anderer Leute zu lesen. Bei Max Jury liegt die Sache etwas anders. Dessen Tagebuch kann man zum 29einen hören und sollte das zum anderen auch unbedingt tun. Elf autobiographische Stücke hat der 23-Jährige auf seinem selbstbetitelten Debüt zusammengetragen – die durchaus spannende Geschichte seines bisherigen Lebens.

Jury hat den steinigen Weg vom Riesentalent zur ersten Platte genommen. Ein Stipendium in Berklee ließ er nach wenigen Tagen sausen, hangelte sich stattdessen mit Gelegenheitsjobs durch, während er nach Feierabend komponierte. Dass Musik in ihm schlummert, seit Max zum ersten Mal Neil Young hörte, kann das Album nicht verhehlen. Americana und Folk schwingen mehr als nur mit, Soul, 90er-Indie und ein Hauch Hip Hop komplettieren das Bild.

Neben Young sind Al Green, Elliott Smith, Gram Parsons und D’Angelo weitere Eckpfeiler, zwischen denen Max Jury mit markanter Stimme seine bittersüßen, zerbrechlichen und gleichzeitig so hoffnungsvollen Songs aufspannt. Starkes Stück!

Musik in 1.000 Zeichen: Bill Evans – »Some Other Time«

Bill Evans - Some Other Time

So muss es sich anfühlen, wenn dereinst das Bernsteinzimmer gefunden wird und man einen Blick hineinwerfen darf. 48 Jahre lang schlummerten diese Aufnahmen in den Tiefen einer Schublade im Schwarzwald. Auf dem Rückweg von seinem später Grammy-gekrönten Auftritt in Montreux hatte das Bill Evans Trio im Juni 1968 in Villingen-Schwenningen am MPS-Tonstudio Halt gemacht, um diese Session einzuspielen, die nun von Jazz-Archäologen ausgegraben wurde.

Nicht nur für Evans-Enthusiasten eine Sensation: Zuvor kannte die Welt keine Studioaufnahmen dieser nur ein halbes Jahr währenden Besetzung. Bill Evans, Bassist Eddie Gomez und Drummer Jack DeJohnette befinden sich hörbar auf dem Höhepunkt ihres Zusammenspiels. Leichtfüßig tänzelt Gomez’ Bass durch die insgesamt 21 Stücke, während ein für seine Verhältnisse erstaunlich ruhiger DeJohnette den Laden vor allem mit Besen zusammenhält.

Außergewöhnlich viele Standards sind auf der Setlist gelandet, die gerade deswegen alles andere als Standard ist. Das Evans Trio in Bestform: mindestens ein Möbelstück aus dem Bernsteinzimmer des Jazz. Danke, liebe Archäologen.

Musik in 1.000 Zeichen: Pup – »The Dream Is Over«

Pup - The Dream Is Over

Auf und nieder, immer wieder. So spielt das Leben. Und genauso findet es sich auf dem zweiten Album von Pup wieder. Die rauen Zeiten und die großen Momente kommen hier zu gleichen Teilen vor, die Tage und Nächte, die dazugehören, wenn man erwachsen wird und die eigenen Träume mit der Realität abgleicht.

Nein, mit Mitte 20 stellt sich längst nicht alles so dar, wie man es sich als Teenager ausgemalt hat. Um das zu wissen, muss man nicht zwingend Musiker sein. Die Fallhöhe zwischen »glamourös auf großer Bühne stehen« und »pleite im Van übernachten« ist aber schon enorm. Pup wandeln sie in unbändige Energie um, in rhythmisch vertrackte Hardcore-Ausbrüche und frickeliges Indie-Gitarren-Gebastel – irgendwo zwischen freundlichen Fucked Up und grimmigen Lemonheads.

Insgesamt ergibt sich eine herrliche halbe Stunde voller Coming of Age und In your Face, deren Titel das Zitat einer Ärztin ist, die Sänger Stefan Babcock nach 450 Shows in zwei Jahren eröffnete, dass die Stimme wohl für immer weg sei. Der Traum vorbei? Eat this, Doc! Alles ist anders, als man mal dachte. Anders super.

Drüben bei Bandcamp kann man »The Dream Is Over« anhören. Viel Vergnügen.

Und dank »Stiegl Hidden Studio Sessions« wissen wir jetzt auch, wie die ersten beiden Stücke des Albums live klingen:

Musik in 1.000 Zeichen: Radiohead – »A Moon Shaped Pool«

Radiohead - A Moon Shaped Pool

Dieses Ding kam im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts. Im Vorfeld der vorgezogenen digitalen Veröffentlichung hatten Radiohead ihre Auftritte in sämtlichen Social-Media-Kanälen zunächst verblassen und dann verschwinden lassen. Ein paar Tage später erschien mit »A Moon Shaped Pool« ein Album von ätherischer Schönheit. So kennen wir die Herren aus Oxford: nie nur auf die Musik bedacht, sondern immer auf die Gesamtinszenierung.

Eine nahezu fragil-filigrane Gesamtinszenierung in diesem Fall. Gerade zum Einstieg und stellenweise auch unterwegs drumt und basst es zwar noch ein wenig. Während des Hauptteils der Platte legen sich aber das Sirren und Flirren eines Orchesters wie ein hauchzarter Schleier über alle Instrumente und die Elektronik. Nebulös, fesselnd, verwunschen: So mag sie klingen, die akustische Entsprechung zum optischen Verschwinden.

So klingt auf jeden Fall ein gelungener Anschluss an das vorletzte Album »In Rainbows« – gelungener als der damals eigentliche Nachfolger »The King of Limbs«, der in seiner Belanglosigkeit hiermit zu den Akten gelegt sei.

Musik in 1.000 Zeichen: Weaves – »Weaves«

Weaves - Weaves

Kurz braucht das Gehör, sich an die stellenweise kieksende Stimme von Jasmyn Burke zu gewöhnen, dann kommt das System in Wallung. Weaves sind ein ebenso freundlicher wie wilder Gruß aus dem kulturellen Untergrund Torontos. Math, Twang, Postpunk: Keine musikalische Spielart, keine Idee bleibt auf dem selbstbetitelten Debüt unangetastet, wenn sie dem Quartett nur in den gerade aktuellen Kram passt.

Aufs Spielerischste und Experimentellste setzen sich Weaves mit dem Konstrukt »Song« auseinander, zerlegen es in seine Einzelteile und basteln es völlig neu wieder zusammen. Melodie und Rhythmus haben dabei gleichermaßen das Sagen. Mal ranken sich alle um die nur kurz zarte Gitarre, mal folgen alle dem rasant Haken schlagenden Schlagzeug. Und dann wieder laufen alle Instrumente im gestreckten Galopp auseinander, nur um sich im nächsten Moment ineinander zu verkeilen.

Das führt das popgeeichte Ohr in unbekannte Welten – wo dann jenseits der Dekonstruktion doch erstaunlich viel Bekanntes wartet. Hartnäckige Hooklines, zum Beispiel.

Das Debüt der Weaves kann man in ihrem Soundcloud-Kanal hören. Viel Spaß.

Musik in 1.000 Zeichen: Modern Baseball – »Holy Ghost«

Modern Baseball - Holy Ghost

Knatternd jagt das Schlagzeug ein Break durch die Box, um den Halftime danach mit scheppernden Becken gleich wieder auf Fahrt zu bringen. Der Bass zieht mit, die Gitarre haut die Melodie mit der mittelgroben Kelle raus und der Sänger strapaziert die Stimme bis kurz vor dem Kippen.

Es sind diese Momente im Zusammenspiel von Tempo und Timing, von Energie und Enthusiasmus, von Verzückung und Verzerrung, die den amerikanischen Indierock tief ins Herz seiner Anhänger graviert haben. Und Modern Baseball kommen auf ihrem neuen Werk mit mächtig vielen solcher Momente um die Ecke. »Holy Ghost« hat von Druck über Melodie bis zu Mitsingpassagen alles, was ein ordentlich rockendes Sommer-Album braucht.

Da werden die Jungens von Weezer so blass wie ihr neulich erschienenes weißes Album. Die Gegenwart der amerikanischen Indiegitarrenkunst gehört ohne Zweifel Bands wie Modern Baseball, die in letzter Zeit im Übrigen erstaunlich oft aus Philadelphia kommen. Falls die da was ins Trinkwasser tun: Gerne weiter so!

Auf der Bandcamp-Seite des Plattenlabels kann man »Holy Ghost« probehören (und natürlich auch erwerben). Viel Vergnügen.

Musik in 1.000 Zeichen: Peter Bjorn and John – »Breakin‘ Point«

Peter Bjorn and John - Breakin' Point

Willkommen zurück, Peter Bjorn and John. Ziemlich exakt fünf Jahre, nachdem sie der Musikwelt ein Plattencover mit drei Daumen an einer Hand hinwarfen und erst einmal still wurden, gibt es jetzt zur Rückkehr den dreifachen Hammer. Und der trifft den Nagel auf den Kopf – zum Glück nicht den Daumennagel, sondern den Indie-Pop-Nagel.

Den wollen die Herren Morén, Yttling und Eriksson nämlich schon seit gut einem Jahrzehnt ordentlich in die Wand hauen. Unterstützt vom Feinsten, was die Stockholmer Szene an Musikern und die Welt an Produzenten zu bieten hat, ist hier ein regelrechter Melodiesturm entstanden – hochgradig mitreißend, tanzbar und ohrwurmtauglich. Potenzielle Hits am Meter.

Klanglich ein ebenso grandioser wie unbeschwerter Schwof durch die schwedisch-europäische Popgeschichte, vom Disco-Sound ABBAs bis hin zur Eingängigkeit Lykke Lis. An allen Ecken und Enden klingt dieses Dutzend Lieder nach einem richtig guten Sommer. Nagel angepeilt, Treffer, versenkt. So muss Pop.