Musik in 1.000 Zeichen: anorak. – »Enthusiasts and Collectors«

Anorak - Enthusiats and Collectors

Fünf junge Kölner bitten zur Sprechstunde. Inhaltlich beschäftigt sich das anorak.-Debütalbum von Ignoranz bis zum Borderline-Syndrom, von Zwangsneurosen bis zu absoluter Isolation mit Krankheiten und Symptomen, die Mensch und Gesellschaft zu schaffen machen. Dankenswerterweise liefert »Enthusiasts and Collectors« die passende Therapie gleich mit: in Form von feinstem Screamo.

Hier werden Verzweiflung und Zorn in druckvolle Gitarren, treibende Rhythmen und teils bis zum Überschlagen gebrüllte Lyrics umformuliert. Doch aus dem Nichts entzünden melodiöse Verspieltheiten, raffinierte Breaks und spontane Richtungswechsel das Fünkchen Hoffnung in dieser Finsternis. Plötzlich ist alles hell erleuchtet. Ja, hinter dem Horizont geht es weiter.

Und wie weit dieser Horizont bei anorak. doch ist, alleine schon musikalisch. Es bestehen keinerlei Berührungsängste zu Indie-Gitarren oder Post-Hardcore-Frickeleien, was die Band aus dem Gros der heimischen New-Wave-of-Hardcore-Kapellen herausragen lässt. Eine wirklich tolle Platte. Die nächste, bitte.

Die Vinylfassung des Albums besteht in der ersten Auflage samt und sonders aus Unikaten. Jedes Cover ist mit einem anderen Polaroid versehen. Die Fotos stammen aus einer Bilderserie, die der Gitarrist der Band geschossen hat. Und die Musik klingt zum Beispiel so:

Musik in 1.000 Zeichen: Drangsal – »Harieschaim«

Drangsal - Harieschaim

Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag, beurteile eine Band nicht nach ihrem Namen. Wer hinter Drangsal eben des Namens wegen Mittelaltergedöns vermutet, liegt aber so was von falsch. Nein, Drangsal spielt hektisch wippenden Pop, breitet ausladende Synthie-Flächen aus und verdichtet New Wave auf dessen tanzbare Essenz.

In Summe ergibt das den Klang der 80er, kombiniert mit den Mitteln von heute, alten Sound ohne Staub drauf – irgendwo zwischen Elektro, Punk und Wave, zwischen Depeche Mode, Extrabreit und den Smiths; in deren jeweiligen Anfangstagen, versteht sich. Interessanterweise kennt der Mann hinter Drangsal diese Anfangstage nur vom Hörensagen. Max Gruber ist gerade einmal 22 Jahre alt, klingt aber, als habe er derlei Nummern damals schon mit Annie Lennox oder Hubert Kah eingespielt.

Älteren Semestern treibt das nostalgiegeschwängerte Tränen in die Augen, während es der Jugend Beine macht, Tanzbeine. Keine Frage: Hier wird man noch einiges von hören. Mindestens den gesamten Sommer lang. Gerne aber auch darüber hinaus.

Musik in 1.000 Zeichen: Eagulls – »Ullages«

Eagulls - Ullages

Die bisherigen Platten der Eagulls ergeben in chronologischer Reihenfolge eine Miniaturreise durch die Musikgeschichte. Auf dem selbstbetitelten Debüt vor zwei Jahren noch rotzig und roh daher punkend, hat das Quintett aus Leeds mit dem Nachfolger die nächste Evolutionsstufe erklommen: Postpunk mit mehr als wavigem Einschlag.

Für Freunde des Buchstabenbastelns fungiert der Albumtitel als Hinweis. »Ullages« ist ein Anagramm des Bandnamens. Die Bestandteile sind gleich geblieben, sie wurden nur umgeordnet, damit Neues entsteht. Und genau so hat es die Band auch mit ihrer Musik gehalten. Energie und Wucht sind geblieben, Ecken und Kanten auch. Doch jetzt sind die Melodien klarer, die Klangwelten vielschichtiger, die Songstrukturen ausgereifter.

Gepaart mit der Robert-Smith-esken Stimme von Sänger George Mitchell entsteht stellenweise das Gefühl, ein frühes, lange verschollenes Werk von The Cure in Händen zu halten, was als Kompliment und nicht als Plagiatsvorwurf verstanden werden möchte. Am Ende dieser elf Lieder bleibt jedenfalls Neugier: Wie diese Geschichtsreise wohl weitergeht?

Musik in 1.000 Zeichen: Wray – »Hypatia«

Wray - Hypatia

Treibendes Schlagzeug, fast schon hypnotisch redundanter Bass, Schrammelgitarren mit massig Hall und neblig verhangene Gesangslinien, die eher als weiteres Instrument denn als Medium zum Geschichtenerzählen fungieren: keine Frage, Wray haben ihr Shoegaze-Einmaleins beisammen – das große Einmaleins, sogar.

Spontan spuken dem Hörer die großen Namen des Genre durch den Kopf, diejenigen, die es wie diese drei Herren aus Birmingham (Birmingham in Alabama, nicht in England. File under: Erdkunde lernen mit Musik.) mit der eher melodiösen, der nicht ganz so krachigen Variante der Schuhstarrerei halten. Während der ersten Hälfte von »Hypatia« reiht sich Wray nahtlos in ihre Phalanx ein, entwickelt einen geradezu fesselnden Sound und liefert gleich mehrere Songs mit Hitpotential.

Jenseits der Halbzeit-Marke kriegen sie es aber nicht immer hin, diese Spannung aufrecht zu erhalten. Ein Hauch von »War das nicht gerade erst?« hält Einzug, ehe mit »Mounts Minding« ein finaler Kracher die Rechnung doch noch komplett aufgehen lässt.

Ein gutes Gefühl für den Klang von Wray bekommt man zum Beispiel beim Hören des Titeltracks:

Musik in 1.000 Zeichen: Explosions In The Sky – »The Wilderness«

Explosions In The Sky - The Wilderness

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album von Explosions In The Sky vergangen, fünf Jahre, die das Postrock-Quartett aus Austin zu weiten Teilen mit dem Komponieren von Filmmusik verbracht hat. Und diese Tätigkeit scheint den Herren enorm gutgetan zu haben. Jedenfalls präsentieren sie sich bei ihrer Rückkehr mit dem ersten Nicht-Soundtrack seit einem halben Jahrzehnt frisch wie der junge Morgen.

Randvoll sind der Ideenspeicher und das Arsenal an Varianten für das Genre-übliche Laut-Leise-Spiel. Immer wieder blitzt natürlich der unverkennbare Gitarrensound durch, aber da sind auch Waldhörner und summende Elektronik, verfremdete Stimmen und Streicher. Grammy-Gewinner John Congleton saß erstmals als Co-Produzent an den Reglern und hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sich die Band mit »The Wilderness« einen neuen, weiteren Horizont erspielt.

Eine in dieser Form nicht erwartete Dreiviertelstunde voller überraschender Wendungen und mit einem Dreh- und Angelpunkt namens »Disintegration Anxiety«.

Auf der Bandcamp-Seite von Explosions In The Sky kann man »The Wilderness« hören.

Musik in 1.000 Zeichen: William Fitzsimmons – »Charleroi«

William Fitzsimmons - Charleroi

Im vergangenen Jahr hatte William Fitzsimmons ein Minialbum zu Ehren seiner Großmutter eingespielt. Nach »Pittsburgh« folgen nun mit »Charleroi« sechs weitere Lieder, die aus dem Leben seiner anderen Oma erzählen – der Oma, die er nie kennengelernt hat. Thelma war die Mutter seines Vaters, die ihren Jungen zur Adoption freigab. Als dieser seine leibliche Familie nach 60 Jahren fand, war Thelma bereits verstorben.

William Fitzsimmons gießt diese ansatzweise tragische Familiengeschichte in herrlich stille, äußerst persönliche Lieder. Nur seine Gitarre begleitet ihn und seine sanfte Stimme nach Charleroi, an den Ort, aus dem Oma Thelma stammte. (Charleroi in Pennsylvania, nicht in Belgien. File under: Erdkunde lernen durch Musik.) Analog zum ersten, nach dem Wohnort der Großmutter benannten Minialbum findet auch die Fortsetzung ihren Namen über den Ort.

Und um ihre Zusammengehörigkeit zu unterstreichen, ließ Enkel William die beiden kleinen Schönheiten zu einer großen gemeinsamen Vinyl-Schönheit pressen. Die LP »The Pittsburgh Collection« erschien am selben Tag wie »Charleroi«.

Musik in 1.000 Zeichen: Dirk Darmstaedter – »Beautiful Criminals«

Dirk Darmstaedter - Beautiful Criminals

Vor zwei Jahren hat Dirk Darmstaedter sich von Tapete Records und allen Anstrengungen verabschiedet, die das Führen eines solchen Plattenlabels mit sich bringt. Seither befindet er sich wieder auf der Jagd nach dem großen Popsong. Auf dem zweiten Album seit Beginn der Jagd hat er ein paar kapitale Exemplare zur Strecke gebracht. Ja, sogar ein paar Zwölfender sind darunter.

Verwunderung ist da natürlich fehl am Platz. Schließlich ist das der Dirk Darmstaedter, der schon damals mit den Jeremy Days ein feines Händchen für Melodien bewies. Und auf Solo-Scheibe Nummer 13 weiß er natürlich immer noch, wo alles hingehört: die mitreißend erzählten Geschichten, die strukturgebende Gitarre, der tupfende Bass, die Handclaps, die hauchenden Backgroundchöre. Er hält die Balance zwischen schlichter Klarheit und detailverliebter Verspieltheit.

Das ist schlauer, erwachsener Pop mit immer wieder durchschimmerndem Teenager-Appeal – schön in seinen reduzierten, melancholischen Momenten, besonders stark aber bei den tanzbaren Kurz-vor-Uptempo-Nummern.

Auf Darmstaedters Soundcloud-Kanal kann man Ausschnitte dreier Songs von »Beautiful Criminals« anhören.