Musik in 1.000 Zeichen: Nonkeen – »Oddments of The Gamble«

Nonkeen - Oddments of The Gamble

Nanu, haben die nicht neulich … ja. Gerade erst im Februar erschien mit »The Gamble« das Debüt von Nonkeen. Dieses Werk ist im Grunde als Fortsetzung zu verstehen, die jedoch auch prima alleine funktioniert. Der Ursprung dieser Platten führt zurück in die Schulzeit von Frederic Gmeiner und Nils Frahm.

Damals entdeckten sie die geteilte Freude an Tonaufnahmen, die sie in Form von Kassetten voller Schulhofgeräusche und Instrumentenexperimente festhielten. Irgendwann viel später trafen sie sich wieder, holten Sepp Singwald mit in ihren Kreis und nahmen sich die alten Aufnahmen noch einmal vor. Nonkeen war geboren. Acht Jahre weiter hat die Überarbeitung alter Aufnahmen und Schaffung neuer Klangwelten derart viel Material abgeworfen, dass es eben für zwei Alben reicht. Und dieses zweite brodelt stärker, kommt irgendwie heller im Ohr an.

Die Elektronik sirrt und flirrt, kommt für kurze Zeit mit Schlagzeug, Piano und Bass zum geordneten Song zusammen, bevor gleich wieder alle auseinanderzufließen. Das ist schräg, wirkt bisweilen etwas zufällig und im nächsten Moment wieder wunderschön.

Auf der Soundcloud-Seite des Plattenlabels kann man einen Song des Albums probehören. Hier entlang, bitte. Und viel Vergnügen.

Musik in 1.000 Zeichen: Michael Kiwanuka – »Love & Hate«

Michael Kiwanuka - Love & Hate

»Songs mit langer Motorhaube« nennt ein Freund des Hauses Lieder, die den Hörer erst einmal mit ellenlangem Instrumentalteil in Empfang nehmen. Woher diese Bezeichnung rührt, ist nicht überliefert. Klar ist nur, dass sie passende Assoziationen weckt. Mit »Love & Hate« hat Michael Kiwanuka gleich ein ganzes Album mit langer Motorhaube geschaffen.

Viereinhalb Minuten lang geleiten Streicher und ein Chor das Ohr vom Kühler bis in die Fahrerkabine. Hier sitzt Kiwanuka hinter dem Steuer seines Vintage-Soul-Mobils, um gleich mit der ersten gesungenen Zeile dessen Motor zu starten. Ab geht die Fahrt. Ganz geschmeidig schaltet sich Englands Vorzeigesoulschmeichler durch die Gänge, nimmt hin und wieder Fahrt raus, ehe er das Pedal wieder durchtritt und seine Begleitmusiker die Karre schnurren lassen.

Zehn zeitlose Kompositionen, phantastisch warm arrangiert und von Danger Mouse knackig produziert machen diesen Cruise zu einem großen Erlebnis. Und wie schon beim Debüt vor vier Jahren ist auch beim Nachfolger Kiwanukas Stimme der Sprit im Tank. Super Plus.

Musik in 1.000 Zeichen: M. Craft – »Blood Moon«

M Craft - Blood Moon

Eine Zeit lang hat Martin Craft in einer kleinen Hütte in der Mojave Wüste gelebt. Während der Phase selbstgewählter Einsamkeit entdeckte er, dass abseits der städtischen Unruhe, in dieser stillen Einöde eine Art Soundtrack existiert. Im Lauf der folgenden Monate hat er diesen Soundtrack für seine Mitmenschen hörbar gemacht.

Auf einem alten Piano entwickelte er Songskizzen, stundenlange, unstrukturierte Elegien, die er erst später auf den Punkt genau ausformulierte. So entstand mit »Blood Moon« ein zehn Stücke währendes Werk voller Gelegenheiten zur inneren Einkehr. Hier wird nichts überstürzt, niemand gehetzt. Der Entstehung geschuldet, steht natürlich das Piano im Mittelpunkt des Albums. Darum drapieren sich je nach Bedarf Chöre, Streicher, zurückhaltende Gitarren und ein fast zärtliches Schlagzeug.

Phasenweise spannt Craft mit Hilfe des allgegenwärtigen Halls eine Klangwelt auf, die sich tatsächlich wie eine einsame Nacht unter sternenklarem Himmel anfühlt. Und wer die Augen schließt, sieht den Film zum Mojave-Soundtrack.

Wie »Blood Moon« klingt, zeigt zum Beispiel die Auskopplung »Chemical Trails«:

Musik in 1.000 Zeichen: TTNG – »Disappointment Island«

TTNG - Disappointment Island

TTNG hießen einmal This Town Needs Guns, aber die Würze liegt jetzt in der Kürze. Auch sonst ist die Band weniger als früher – seit dem letzten Album vom Quartett zum Trio geschrumpft. Und dann greift wieder einmal der alte Spruch, dass weniger im Grunde ja mehr sei. »Disappointment Island« soll für alle Zeit die Richtigkeit dieser Weisheit beweisen.

Von der ersten Sekunde an reißt dieses Album alles im Hörer an sich. Fesselnd das immer für ein schräges Break zu habende Schlagzeugspiel von Chris Collis, faszinierend, was sein Bruder Tim an kniffeligen Gitarrenfiguren über diesen Teppich fingerpickt. Derweil komplettiert Henry Tremain das Werk mit clever treibenden Bassläufen und Falsett-Gesang. Taktmitzählen lohnt nicht. Auf klassisches Strophe-Refrain-Bridge-Schema wird auch weitestgehend gepfiffen. Das hier ist Math Rock vom Feinsten. Und trotzdem unglaublich eingängig.

Klanglich etwa zwischen frühen Braid und Karate liegend, entwickeln die drei Herren aus Oxford in ihren Songs Dynamik und Schönheit, die lang und länger hängenbleiben. Die besten TTNG aller Zeiten.

Auf der Bandcamp-Seite von TTNG kann man »Disappointment Island« anhören. Viel Spaß.

Musik in 1.000 Zeichen: The Claypool Lennon Delirium – »The Monolith of Phobos«

The Claypool Lennon Delirium - The Monolith of Phobos

Da haben sich die richtigen beiden getroffen. Auf einer gemeinsamen Tour ihrer Bands Primus und Ghost of a Saber Tooth Tiger lernten sich Les Claypool und Sean Lennon derart gut kennen, dass sie im Anschluss beschlossen, ihre jeweiligen Talente für ein Projekt zusammenzuwerfen.

Mit der Freiheit des Mottos aller Sauna-Clubs (»Alles kann, nichts muss!«) machten sich der Bass-Horizonterweiterer und der Gitarren-Weiterdenker sechs Wochen lang an die Entwicklung musikalischer Schnittstellen – Instrumententausch und abwechselnde Übernahme der Drumsticks und des Mikros inklusive. Stoßrichtung: Psychedelic-Prog alter Prägung. Und das Ergebnis ist nicht für den schnellen Nebenher-Konsum gemacht.

Oftmals lagern gleich mehrere Klangschichten übereinander, fließen die Tonarten ineinander, schwirren weit aufgerissener Fuzz-Bass, Wah-Wah-Gitarre, nebulöse Hammond, verzerrte Stimmen und aus dem Nichts auftauchende Wundervoll-Melodien umeinander. Das produziert am anderen Ende des Kopfhörers Zustände zwischen völliger Unruhe und totaler Entspannung. Verwirrend gut.

Musik in 1.000 Zeichen: Max Jury – »Max Jury«

Max Jury - Max Jury

Eigentlich ist es schon ein starkes Stück, das Tagebuch anderer Leute zu lesen. Bei Max Jury liegt die Sache etwas anders. Dessen Tagebuch kann man zum 29einen hören und sollte das zum anderen auch unbedingt tun. Elf autobiographische Stücke hat der 23-Jährige auf seinem selbstbetitelten Debüt zusammengetragen – die durchaus spannende Geschichte seines bisherigen Lebens.

Jury hat den steinigen Weg vom Riesentalent zur ersten Platte genommen. Ein Stipendium in Berklee ließ er nach wenigen Tagen sausen, hangelte sich stattdessen mit Gelegenheitsjobs durch, während er nach Feierabend komponierte. Dass Musik in ihm schlummert, seit Max zum ersten Mal Neil Young hörte, kann das Album nicht verhehlen. Americana und Folk schwingen mehr als nur mit, Soul, 90er-Indie und ein Hauch Hip Hop komplettieren das Bild.

Neben Young sind Al Green, Elliott Smith, Gram Parsons und D’Angelo weitere Eckpfeiler, zwischen denen Max Jury mit markanter Stimme seine bittersüßen, zerbrechlichen und gleichzeitig so hoffnungsvollen Songs aufspannt. Starkes Stück!

Musik in 1.000 Zeichen: Bill Evans – »Some Other Time«

Bill Evans - Some Other Time

So muss es sich anfühlen, wenn dereinst das Bernsteinzimmer gefunden wird und man einen Blick hineinwerfen darf. 48 Jahre lang schlummerten diese Aufnahmen in den Tiefen einer Schublade im Schwarzwald. Auf dem Rückweg von seinem später Grammy-gekrönten Auftritt in Montreux hatte das Bill Evans Trio im Juni 1968 in Villingen-Schwenningen am MPS-Tonstudio Halt gemacht, um diese Session einzuspielen, die nun von Jazz-Archäologen ausgegraben wurde.

Nicht nur für Evans-Enthusiasten eine Sensation: Zuvor kannte die Welt keine Studioaufnahmen dieser nur ein halbes Jahr währenden Besetzung. Bill Evans, Bassist Eddie Gomez und Drummer Jack DeJohnette befinden sich hörbar auf dem Höhepunkt ihres Zusammenspiels. Leichtfüßig tänzelt Gomez’ Bass durch die insgesamt 21 Stücke, während ein für seine Verhältnisse erstaunlich ruhiger DeJohnette den Laden vor allem mit Besen zusammenhält.

Außergewöhnlich viele Standards sind auf der Setlist gelandet, die gerade deswegen alles andere als Standard ist. Das Evans Trio in Bestform: mindestens ein Möbelstück aus dem Bernsteinzimmer des Jazz. Danke, liebe Archäologen.