Musik in 1.000 Zeichen: Wray – »Hypatia«

Wray - Hypatia

Treibendes Schlagzeug, fast schon hypnotisch redundanter Bass, Schrammelgitarren mit massig Hall und neblig verhangene Gesangslinien, die eher als weiteres Instrument denn als Medium zum Geschichtenerzählen fungieren: keine Frage, Wray haben ihr Shoegaze-Einmaleins beisammen – das große Einmaleins, sogar.

Spontan spuken dem Hörer die großen Namen des Genre durch den Kopf, diejenigen, die es wie diese drei Herren aus Birmingham (Birmingham in Alabama, nicht in England. File under: Erdkunde lernen mit Musik.) mit der eher melodiösen, der nicht ganz so krachigen Variante der Schuhstarrerei halten. Während der ersten Hälfte von »Hypatia« reiht sich Wray nahtlos in ihre Phalanx ein, entwickelt einen geradezu fesselnden Sound und liefert gleich mehrere Songs mit Hitpotential.

Jenseits der Halbzeit-Marke kriegen sie es aber nicht immer hin, diese Spannung aufrecht zu erhalten. Ein Hauch von »War das nicht gerade erst?« hält Einzug, ehe mit »Mounts Minding« ein finaler Kracher die Rechnung doch noch komplett aufgehen lässt.

Ein gutes Gefühl für den Klang von Wray bekommt man zum Beispiel beim Hören des Titeltracks:

Musik in 1.000 Zeichen: Explosions In The Sky – »The Wilderness«

Explosions In The Sky - The Wilderness

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album von Explosions In The Sky vergangen, fünf Jahre, die das Postrock-Quartett aus Austin zu weiten Teilen mit dem Komponieren von Filmmusik verbracht hat. Und diese Tätigkeit scheint den Herren enorm gutgetan zu haben. Jedenfalls präsentieren sie sich bei ihrer Rückkehr mit dem ersten Nicht-Soundtrack seit einem halben Jahrzehnt frisch wie der junge Morgen.

Randvoll sind der Ideenspeicher und das Arsenal an Varianten für das Genre-übliche Laut-Leise-Spiel. Immer wieder blitzt natürlich der unverkennbare Gitarrensound durch, aber da sind auch Waldhörner und summende Elektronik, verfremdete Stimmen und Streicher. Grammy-Gewinner John Congleton saß erstmals als Co-Produzent an den Reglern und hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sich die Band mit »The Wilderness« einen neuen, weiteren Horizont erspielt.

Eine in dieser Form nicht erwartete Dreiviertelstunde voller überraschender Wendungen und mit einem Dreh- und Angelpunkt namens »Disintegration Anxiety«.

Auf der Bandcamp-Seite von Explosions In The Sky kann man »The Wilderness« hören.

Musik in 1.000 Zeichen: William Fitzsimmons – »Charleroi«

William Fitzsimmons - Charleroi

Im vergangenen Jahr hatte William Fitzsimmons ein Minialbum zu Ehren seiner Großmutter eingespielt. Nach »Pittsburgh« folgen nun mit »Charleroi« sechs weitere Lieder, die aus dem Leben seiner anderen Oma erzählen – der Oma, die er nie kennengelernt hat. Thelma war die Mutter seines Vaters, die ihren Jungen zur Adoption freigab. Als dieser seine leibliche Familie nach 60 Jahren fand, war Thelma bereits verstorben.

William Fitzsimmons gießt diese ansatzweise tragische Familiengeschichte in herrlich stille, äußerst persönliche Lieder. Nur seine Gitarre begleitet ihn und seine sanfte Stimme nach Charleroi, an den Ort, aus dem Oma Thelma stammte. (Charleroi in Pennsylvania, nicht in Belgien. File under: Erdkunde lernen durch Musik.) Analog zum ersten, nach dem Wohnort der Großmutter benannten Minialbum findet auch die Fortsetzung ihren Namen über den Ort.

Und um ihre Zusammengehörigkeit zu unterstreichen, ließ Enkel William die beiden kleinen Schönheiten zu einer großen gemeinsamen Vinyl-Schönheit pressen. Die LP »The Pittsburgh Collection« erschien am selben Tag wie »Charleroi«.

Musik in 1.000 Zeichen: Dirk Darmstaedter – »Beautiful Criminals«

Dirk Darmstaedter - Beautiful Criminals

Vor zwei Jahren hat Dirk Darmstaedter sich von Tapete Records und allen Anstrengungen verabschiedet, die das Führen eines solchen Plattenlabels mit sich bringt. Seither befindet er sich wieder auf der Jagd nach dem großen Popsong. Auf dem zweiten Album seit Beginn der Jagd hat er ein paar kapitale Exemplare zur Strecke gebracht. Ja, sogar ein paar Zwölfender sind darunter.

Verwunderung ist da natürlich fehl am Platz. Schließlich ist das der Dirk Darmstaedter, der schon damals mit den Jeremy Days ein feines Händchen für Melodien bewies. Und auf Solo-Scheibe Nummer 13 weiß er natürlich immer noch, wo alles hingehört: die mitreißend erzählten Geschichten, die strukturgebende Gitarre, der tupfende Bass, die Handclaps, die hauchenden Backgroundchöre. Er hält die Balance zwischen schlichter Klarheit und detailverliebter Verspieltheit.

Das ist schlauer, erwachsener Pop mit immer wieder durchschimmerndem Teenager-Appeal – schön in seinen reduzierten, melancholischen Momenten, besonders stark aber bei den tanzbaren Kurz-vor-Uptempo-Nummern.

Auf Darmstaedters Soundcloud-Kanal kann man Ausschnitte dreier Songs von »Beautiful Criminals« anhören.

Musik in 1.000 Zeichen: Emmy The Great – »Second Love«

Emmy The Great - Second Love

Es gibt Menschen, die behaupten, dass Emma-Lee Moss in erster Linie Poetin ist, die in der Musik ein Vehikel für ihre Verse findet. Beim allerersten Hören des neuen Albums mag man ihnen kurz beipflichten. Denn während die Verse gleich in voller Schönheit erstrahlen, wirken die Songs vergleichsweise simpel.

Doch mit jedem Durchgang verfliegt dieser Eindruck immer mehr, bis am Ende kein Zweifel mehr bleibt: Emmy The Great agiert musikalisch nicht minder raffiniert als sie es sprachlich schon immer tat. Die Eingängigkeit der zwölf Songs auf »Second Love« ist das Ergebnis eines feinen Gespürs für Melodie und einer riesigen Experimentierfreude. Die Britin setzt nicht auf die poppige Nummer Sicher. Ihre Musik umkreist den Hörer, ehe sie lange im Ohr hängenbleibt – die gezupften Gitarren, der sanfte elektronische Klangteppich und die kristallklare Stimme.

Drei Jahre hat die Arbeit an diesem Album gedauert. Am Anfang war sich Moss sicher, eine Platte über Technologie und Zukunft zu machen. Letztlich handelt fast alles von Liebe. Wie das eben passiert, wenn Poeten am Werk sind.

Musik in 1.000 Zeichen: Mogwai – »Atomic«

Mogwai - Atomic

Da waren es nur noch vier. Nachdem die ersten 20 Bandjahre ohne wesentliche personelle Veränderung über die Bühne gegangen sind, hat John Cummings Ende 2015 Mogwai verlassen. Und mit einem Gitarristen weniger setzt das Nun-Quartett den schon auf den letzten Veröffentlichungen eingeschlagenen, zunehmend elektronischen Weg umso konsequenter fort.

Wie eh und je wechseln sich stille Töne und großflächige Klangmalereien ab. Stellenweise erfahren das vorhandene Instrumentarium und der fast allgegenwärtige Computer Verstärkung durch analoge Helfer wie etwa Streicher. Die Tage der prasselnden Gitarren scheinen jedoch endgültig gezählt. Sofern diese Veröffentlichung überhaupt als Maßstab herangezogen werden kann. Immerhin handelt es sich um den Soundtrack zu einer Dokumentation, die sich mit dem nuklearen Horror unserer Zeit beschäftigt – vom Kalten Krieg bis Fukushima.

Die dazugehörigen Bilder verlangen regelrecht nach den relativ homogenen Klanggebilden dieser zehn Songs. Eventuell wird es bei einem Album ohne Filmanbindung doch wieder wuchtiger und höhepunktreicher. Die Zukunft wird es zeigen.

Mit »U-235« vom Soundcloud-Angebot des Labels Rock Action Records erhält man einen recht guten Eindruck vom Sound des gesamten Albums:

»Köln zu Fuß«: Abseits ausgelatschter Trampelpfade

Eckhard Heck - Köln zu Fuß

Ein Wanderführer, der seine Leser in Häuserschluchten statt in die Natur lockt; ein Stadtführer, der den nicht so offensichtlichen Perlen am Wegesrand ebenso viel Raum bietet wie den bekanntesten Sehenswürdigkeiten am Ort: »Köln zu Fuß« ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Buch. Und dann doch wieder nicht so besonders, wenn man das Œuvre seines Autoren kennt. Schon mehrfach hat sich Eckhard Heck in Büchern und Reiseführern fotografisch und textlich mit Städten zwischen Rhein und Maas auseinandergesetzt. Immer hat er dabei versteckte Schönheiten und Ecken aufgetan, die selbst so manchen eingefleischten Einheimischen überraschten. In dieser Hinsicht schließt sein neues Buch nahtlos an diese früheren Werke an. Weiterlesen