Musik in 1.000 Zeichen: Desaparecidos – »Payola«

Desaparecidos - Payola

Es mag zwar etwas dauern, doch hin und wieder tauchen Verschwundene eben doch wieder auf. Die Desaparecidos, zum Beispiel, das vor 13 Jahren nach nur einem Album vom Netz genommene Emo-Punk-Whatever-Seitenprojekt von »Mister Bright Eyes« Conor Oberst. Und dass der Nachfolger zum seinerzeit noch viel zu wenig beachteten »Read Music/Speak Spanish« frischer klingt als eben diese Platte, liegt nicht allein an den knapp anderthalb Jahrzehnten, die zwischen diesen beiden liegt.

Denn das Konzept ist weitestgehend unverändert geblieben: zornige Gitarren, zorniges Schlagzeug, zornige Lyrics, zornig gebellt. Das Ganze ist nur einfach eine spur konsequenter durchgezogen als damals, klingt tighter produziert, kommt präziser auf den Punkt.

Und Nebrakas einstiges Wunderkind Oberst setzt sich im Vergleich zu seinem damaligen Ich textlich eleganter mit den Dingen auseinander, die ihn in Rage bringen. Ohne dabei allerdings die nötigen Zutaten Gift und Galle vermissen zu lassen. Waffenlobby, Einwanderungsbehörden, Wall Street – hier kriegt jeder sein Fett weg. Bitte nicht gleich wieder verschwinden!

Musik in 1.000 Zeichen: Veruca Salt – »Ghost Notes«

Veruca Salt - Ghost Notes

Wenn Bands nach ewigen Zeiten wieder zueinander finden und eine Platte machen, hat das für den Hörer immer etwas von Russisch Roulette: Ist da überhaupt noch eine Patrone in der Trommel? Oder wird es nur müde klicken? Nach Refused neulich liefern Veruca Salt gleich das nächste Beispiel für eine Reunion, bei der es ordentlich knallt.

Gleich vom ersten Takt hat man das Gefühl, die Neunziger wären nie zu Ende gegangen. Saftige Riffs über schepperndem Schlagzeug, mehrstimmig weiblicher Gesang und massig Energie von A bis Z. Louise Post und Nina Gordon haben es immer noch drauf. Irgendwie ist es natürlich schon seltsam, dass das erste Album in Originalbesetzung seit 1997 so klingt, als sei der Vorgänger erst vergangenen Monat aus den Charts gerutscht, als habe sich der Horizont der Musiker seit damals so überhaupt nicht erweitert.

Aber letztlich lässt sich dank dieser, nun ja, Kontinuität ganz hervorragend in alten Zeiten schwelgen. Und wenn schon eine ordentliche Portion Nostalgie, dann wenigstens von einer Band ausgelöst, die dieses »Früher« wirklich und wahrhaftig miterlebt hat. Klick. Klick. Bumm.

Musik in 1.000 Zeichen: Balthazar – »Thin Walls«

Balthazar - Thin Walls

Alle paar Jahre klopft es an die belgisch-deutsche Grenze und eine großartige Band steht mit unglaublich eigenem Sound vor der Tür. Was haben wir einen Spaß mit den bezaubernd schrägen Deus gehabt?! Oder Balthazar: Vier Herren und eine Dame aus Gent wühlen seit mittlerweile elf Jahren in der Kiste mit den großartigen Melodien und den unauffälligen, aber entscheidenden Arrangement-Feinheiten.

Für ihr drittes Album greifen sie mit allen Händen tief hinein in diese Kiste und schmeißen die Klamotten wild durch die Gegend, bis die ganze Bude voll liegt mit Schönheit. Da sind vierstimmig gesungene Refrains und lässig genuschelte Strophen, die sich gekonnt abwechseln und den zehn Songs allein schon gesanglich eine enorme Dynamik verpassen. Da sind zurückhaltende Gitarren und schüchterne Streicher, die den Hörer umschmeicheln, plötzlich alles aufreißen und einen weiten Horizont offenbaren.

Und da sind prägnante Basslinien und ein Schlagzeug, die gemeinsam zum Tanzen animieren, indem sie auf langweilig gerade Beats verzichten. Insgesamt ein raffiniert vertracktes und gleichzeitig so klares Album. Belgien: Zwölf Punkte!

Musik in 1.000 Zeichen: Jonas Burgwinkel – »Side B«

Jonas Burgwinkel - Side B

Kein Schild, keine Homepage, ständig gute Partys: Über Jahre war das »Stecken« eines der bestgehüteten Club-Geheimnisse Kölns. Alldonnerstäglich etwa lud Schlagzeuger Jonas Burgwinkel befreundete Musiker hier zu energiegeladenen Free-Jazz-Groove-Jam-Sessions, deren Strahlkraft schon bald nach dem Start über die Grenzen der Domstadt und Deutschlands hinausreichte.

Denn hier war mit das Feinste am Start, das die Republik in Sachen modernem Jazz zu bieten hat. Pianist Pablo Held, zum Beispiel, Saxophonist Niels Klein oder Bassist Robert Landfermann – alle wie Gastgeber Burgwinkel mit Preisen überhäuft und der Idee beseelt, die Gegenwartsmusik in die Zukunft zu hieven.

Das »Stecken« ist mittlerweile Geschichte. Umso schöner, dass Jonas Burgwinkel nun Aufnahmen der Sessions veröffentlicht und so Erinnerungen greif- und hörbar macht. Von pittoresken Melodieminiaturen über schwer groovende Stampfer mit Sampleunterlegung bis hin zu ausufernd flirrenden Klanglandschaften ist hier alles dabei, was passiert, wenn sich großartige Musiker auf der Bühne blind verstehen und vertrauen. Ein feines Stück (Kölner) Musikgeschichte.

Musik in 1.000 Zeichen: Fink – »Horizontalism«

Fink Horizontalism

Verdubbt, nochmal! Fin Greenall und Kollegen haben sich das Material ihres letztjährigen Albums »Hard Believer« geschnappt und eine gänzlich andere Platte daraus gemacht. Alles wabert und loopt, alles schlingert, flirrt und hallt, während es auf zwei und vier klickt und klackt.

Nach langer Zeit kommt dabei noch einmal die Ur-Zuneigung zur Elektronik zum Tragen, die Greenall in den 90ern als DJ umtrieb – ehe die Akustikgitarre das Regiment übernahm. Inspiration zur Verdubbung fand er dem Vernehmen nach in seinem neuen Zuhause in Berlin. Den sieben überarbeiteten Stücken stehen die neuen Gewänder prächtig, gerade weil ihnen das Handfeste fehlt, weil sie vage bleiben, dem Hörer wieder und wieder durch die Finger rinnen.

»Horizontalism« ist Nachtmusik. Komplettiert wird das Album durch drei neue Stücke, die diesem zumindest klanglich reichlich unfinkigem Fink-Werk eine Art Rahmen geben und dabei noch am ehesten an den Sound der vergangenen Jahre erinnern.

Musik in 1.000 Zeichen: Falling Stacks – »No Wives«

Falling Stacks - No Wives

Schublade auf, Falling Stacks rein, Schublade zu. So einfach könnte man es sich tatsächlich machen. Überdeutlich klingen die Einflüsse und offensichtlichen Lieblinge des Trios aus Bristol auf dessen Debüt-Album durch. Fugazi und Shellac sind dabei, Future Of The Left und Disappears, aber auch McClusky und Sonic Youth.

Unaufhaltsam rollen die Basslinien dahin, während sich die schreddernd kreischenden Gitarren und der Sprech-/Schreigesang an ihnen entlanghangeln. Das Schlagzeug hält den Laden zusammen, nur um aus dem Nichts und mit scheppernden Becken auszubrechen. Die Ruhe nach dem Sturm ist die Ruhe vor dem Sturm. Alles sammelt sich und weiter. Ja, das ist Postpunk. Und ja, das ist auch Math Rock.

Doch obwohl diese Schubladen wie angegossen passen, ist da auch viel Platz für Eigenheiten. Für experimentelle Momente, zum Beispiel, oder Texte voller feinem britischen Humor, mit dem sich die Band selbst der lakonischen Avantgarde zuschreibt. Von der Schublade hat vorher auch noch niemand gehört.

Musik in 1.000 Zeichen: Refused – »Freedom«

Refused - Freedom

Back from the dead. 17 Jahre sind vergangen, seit sie dem Punk einen möglichen Weg in die Zukunft wiesen. Und auch wenn Sänger Dennis Lyxzén gleich zur Eröffnung des ersten Refused-Albums seit »The Shape Of Punk To Come« schreit, dass sich nichts verändert habe, ist in der Zwischenzeit eine Menge Wasser an die Ostseeküste Schwedens gebrandet.

Während ihrer Zeit in anderen Bands haben sich die Mitglieder weiterentwickelt, was man den heutigen Refused anmerkt. Der seinerzeit initiierte musikalische Stilmix gelingt in der Gegenwart noch vehementer. Ja, da sind harte Gitarren und da ist natürlich auch ein rumpelndes Schlagzeug. Aber dem Ganzen untergemengt sind funkige Passagen mit Bläsern, Elektroklänge und sogar beinahe tanzbare Pop-Sequenzen. Das war damals schon nichts für Hardcore-Puristen, heutzutage erst recht nicht.

Was sich derweil nicht geändert hat, ist der Zorn, der über allem schwebt. Lyxzén wirkt in Anbetracht aktueller Entwicklungen sogar noch wütender als früher. Und entschlossener. Denn wo er vor 17 Jahren noch »Can I scream?« fragte, heißt es heute: »I’m just going to scream now!«