Musik in 1.000 Zeichen: Falling Stacks – »No Wives«

Falling Stacks - No Wives

Schublade auf, Falling Stacks rein, Schublade zu. So einfach könnte man es sich tatsächlich machen. Überdeutlich klingen die Einflüsse und offensichtlichen Lieblinge des Trios aus Bristol auf dessen Debüt-Album durch. Fugazi und Shellac sind dabei, Future Of The Left und Disappears, aber auch McClusky und Sonic Youth.

Unaufhaltsam rollen die Basslinien dahin, während sich die schreddernd kreischenden Gitarren und der Sprech-/Schreigesang an ihnen entlanghangeln. Das Schlagzeug hält den Laden zusammen, nur um aus dem Nichts und mit scheppernden Becken auszubrechen. Die Ruhe nach dem Sturm ist die Ruhe vor dem Sturm. Alles sammelt sich und weiter. Ja, das ist Postpunk. Und ja, das ist auch Math Rock.

Doch obwohl diese Schubladen wie angegossen passen, ist da auch viel Platz für Eigenheiten. Für experimentelle Momente, zum Beispiel, oder Texte voller feinem britischen Humor, mit dem sich die Band selbst der lakonischen Avantgarde zuschreibt. Von der Schublade hat vorher auch noch niemand gehört.

Musik in 1.000 Zeichen: Refused – »Freedom«

Refused - Freedom

Back from the dead. 17 Jahre sind vergangen, seit sie dem Punk einen möglichen Weg in die Zukunft wiesen. Und auch wenn Sänger Dennis Lyxzén gleich zur Eröffnung des ersten Refused-Albums seit »The Shape Of Punk To Come« schreit, dass sich nichts verändert habe, ist in der Zwischenzeit eine Menge Wasser an die Ostseeküste Schwedens gebrandet.

Während ihrer Zeit in anderen Bands haben sich die Mitglieder weiterentwickelt, was man den heutigen Refused anmerkt. Der seinerzeit initiierte musikalische Stilmix gelingt in der Gegenwart noch vehementer. Ja, da sind harte Gitarren und da ist natürlich auch ein rumpelndes Schlagzeug. Aber dem Ganzen untergemengt sind funkige Passagen mit Bläsern, Elektroklänge und sogar beinahe tanzbare Pop-Sequenzen. Das war damals schon nichts für Hardcore-Puristen, heutzutage erst recht nicht.

Was sich derweil nicht geändert hat, ist der Zorn, der über allem schwebt. Lyxzén wirkt in Anbetracht aktueller Entwicklungen sogar noch wütender als früher. Und entschlossener. Denn wo er vor 17 Jahren noch »Can I scream?« fragte, heißt es heute: »I’m just going to scream now!«

Musik in 1.000 Zeichen: White Noise Sound – »Like a Pyramid of Fire«

White Noise Sound Like a Pyramid Of Fire

Die Geschichte der psychedelischen Musik ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Denn tatsächlich reicht es nicht aus, auf jede Tonspur ordentlich Hall und Delay zu knallen, um ein feines Psychedelic-Album zu basteln.

In den fünf Jahren seit ihrem Debüt haben White Noise Sound mit etlichen großen Namen aus dem Genre zu tun gehabt. Warum nur hat ihnen niemand von denen diesen vergleichsweise kleinen Tipp mit auf den Weg gegeben?! So fällt das zweite Album nach furiosem Start ziemlich bald ziemlich fulminant ab. Was bleibt ist das minutenlange Ausbreiten vager Song-Ideen, aufgemotzt mit elektronischem Geknister und all jenen Effekten, die mit dem Attribut »Klangwand« in Verbindung zu bringen sind.

Zwischendurch knallt es bisweilen kurz, wird die Idee für einen Moment doch zur mitreißenden Struktur. Aber auch das ist nicht genug, um Hörer langfristig an »Like a Pyramid of Fire« zu fesseln. Was hängenbleiben wird, sind vor allem die ersten beiden Songs. Der Rest ist schon vergessen, wenn die Plattennadel in den nächsten Teil der Rille rutscht.

Musik in 1.000 Zeichen: Various Artists – »Too Slow to Disco 2«

Too Slow to Disco 2

Gepriesen seien all die musikhistorischen Trüffelschweine, die sich tief in längst vergangene Epochen hineingraben, um deren verschüttete Köstlichkeiten zu bergen. Marcus Liesenfeld, zum Beispiel, ist eines dieser musikalischen Indiana-Jones-Pendants.

Als DJ Supermarkt hatte er sich bereits 2014 für einen Sampler in die späten 70er und frühen 80er Jahre verbissen. »Too Slow to Disco« war randvoll mit Westküsten-Schwofern jener Tage. Für den Nachfolger begab sich DJ Supermarkt noch einmal in die Untiefen des Größenwahns und kam mit 16 waschechten Perlen zurück – groovende Einladungen zum Fingerschnippen und Kopfnicken, zurückgelehnter Funk und entspannter Pop mit leichtem Hang zur Überproduktion. Those were the days. Und so darf auch heute gerne der Sommer schmecken.

Das gesamte Album ist eine schwere Anstiftung zum legeren Tanz, an der sich diesmal auch europäische Bands beteiligen. Ein Album wie gemacht für lauschige Nachmittage auf der eigenen Yacht oder im Cabrio – wahlweise aber auch am Badesee oder auf dem Fahrrad.

Musik in 1.000 Zeichen: Metz – »II«

Metz - II

Alex Edkins, Impressario der kanadischen Noise-Rocker Metz, hat beim Anblick heutiger Zustände mächtig Dampf auf dem Kessel. Zitat: »A lot of things in everyday life drive me crazy – how we relate to each other, how politics, media, technology, money and medication influence our lives. This band, in a lot of ways, is an outlet.«

Musik als Ventil, ein altbekanntes Konzept. Und einmal mehr ist es toll, am anderen Ende dieses Ventils zu stehen und sich von dem, was da rauskommt, die Frisur durchföhnen zu lassen. Lass es einfach raus, Alex! Wie schon auf ihrem Erstling sind Edkins und seine Kollegen eine Wucht. Eine halbe Stunde lang nehmen sie den Kopf des Hörers in Beschlag, fegen die Bude ordentlich durch, dampfstrahlen, schleifen den Boden ab und lassen am Ende alles einfach liegen. Brachiale Katharsis.

Wer es im Anschluss wieder schön haben möchte, kann den Laden ja mit gefälligerer Musik neu tapezieren. Bis zum nächsten Katharsis-Bedarf. Oder bis auf II eben III folgt.

Musik in 1.000 Zeichen: William Fitzsimmons – »Pittsburgh«

William Fitzsimmons - Pittsburgh

Für drei Tage war William Fitzsimmons im vergangenen Herbst zurück in der Stadt seiner Kindheit, um seine Großmutter Virginia zu Grabe zu tragen. Ihr verdankt er die Musik in seiner Familie, mit ihr hat er neben der Liebe zu vielen Instrumenten auch die zur Stadt Pittsburgh geteilt.

In sieben Liedern macht sich Fitzsimmons nun auf diesem nach der gemeinsamen Stadt benannten Minialbum daran, den Tod seiner Großmutter zu verarbeiten. Einmal mehr widmet sich Fitzsimmons in seiner Musik also sehr persönlichen Themen. Und einmal mehr bekommt er es wundervoll unpathetisch hin, den Hörer an seinem Blick in die Vergangenheit zu beteiligen. Vorsichtig hauchend tastet sich seine Stimme über leise Folk-Töne hinweg. Die Räume, die dazwischen entstehen, füllt er nur spärlich mit dem Klang anderer Instrumente als der Gitarre.

»Pittsburgh« ist das erste von zwei Minialben auf dem Weg zur nächsten großen Platte. Es lediglich als Überbrückung der Album-Wartezeit zu verstehen, würde diesem sanften Werk jedoch nicht gerecht.

Musik in 1.000 Zeichen: We Are The Ocean – »Ark«

We Are The Ocean - Ark

Nein, in Schubladen möchten sich We Are The Ocean nicht gesteckt wissen. Man verstehe sich schlicht und ergreifend als Rockband, ließ Frontmann Liam Cromby dereinst in einem Interview verlauten.

Genau diese Schubladenlosigkeit merkt man diesem Album an. Prog, Classic, Post, Alternative, Stadion: Alles, was mit Nachnamen Rock heißt, kommt im Verlauf der zwölf Songs auf eine Stippvisite vorbei – alles technisch auf höchstem Niveau umgesetzt, ausschweifend orchestriert und fett produziert.

Gleichzeitig wirkt das Ganze völlig kontrolliert und klinisch steril. Fast als hätten die Briten im Studio eine Checkliste zum perfekten Album abgearbeitet. »So. Und an der Stelle muss jetzt noch eine Ballade kommen.« Keine Spur mehr von der Erdigkeit früherer Tage. Geschweige denn von Momenten, in denen die Zügel fallen, um im freien und wilden Galopp loszupreschen. Für Freunde kopflastigen Konzeptrocks und/oder Fans von Nickelback.