Musik in 1.000 Zeichen: Tortoise – »The Catastrophist«

Tortoise - The Catastrophist

Seit einem Vierteljahrhundert scheren sich Tortoise ziemlich überhaupt nicht darum, ob die Musik, die sie gerade machen, in irgendeine Schublade passt. Dub, Rock, Jazz, Kraut, Elektronik: Wenn es dem Multi-Instrumentalisten-Quintett aus Chicago in den Kram passt, wird es gespielt.

»The Catostrophist«, das erste Album seit bald sieben Jahren, stellt sich natürlich konsequent in diese Tradition. Ohne langes Vorgeplänkel nimmt der Titeltrack den Hörer gleich einmal mit sirrenden Synthies in Empfang. Und in der folgenden Dreiviertelstunde entspinnt Tortoise ein riesiges Geflecht voller musikalischer Raffinesse.

Da wummert der jazzig-funkige Bass unter dem unverkennbaren Gitarrenklang hindurch, die Elektronik packt zwischen hypnotischem Fiepen und sattem Summen immer das passende Pünktchen aufs i, während das Schlagzeug den Laden zusammenhält, dem tanzbaren Beat gleich an der nächsten Ecke aber auch gerne das nächste schräge Break-Stöckchen in die Beine wirft. Experimentell, aber poppig, minimal, aber orchestral. Tortoise ist zu groß für Deine Schublade.

Musik in 1.000 Zeichen: Turbostaat – »Abalonia«

Turbostaat - Abalonia

Zusammenhängende Story statt »Eins, Zwei, Drei, Vier«: Punkrock-Konzeptalben gehören wohl zu den seltensten, weil ungewöhnlichsten musikalischen Erscheinungsformen. In ihrer mittlerweile 16 Jahre währenden Bandgeschichte waren Turbostaat noch nie für das Gewöhnliche zu haben, weswegen es schon passt, dass sie sich mit Album Nummer Sechs genau dieses Formats annehmen.

»Abalonia« erzählt die Geschichte der Frau Semona, die ihr gewohntes Umfeld hinter sich lässt, um sich auf die Suche nach einem besseren Leben an einem sagenhaften Ort zu machen – eben Abalonia. Und irgendwo zwischen modernem Märchen und Roadmovie, zwischen Odyssee und dem Schimmelreiter tropft immer wieder die deutsche Gegenwart mit besorgniserregenden Entwicklungen wie zunehmendem Fremdenhass aus den Zeilen.

Text und Musik greifen nahtlos ineinander, ohne dabei auch nur irgendwie bemüht zu klingen. Turbostaat bricht mit dem klassischen Strophe-Refrain-Schema und bleibt sich musikalisch trotzdem absolut treu. Das ist beeindruckend vielfältiges, mit beiden Füßen aber fest im Punk verwurzeltes Songwriting.

Musik in 1.000 Zeichen: Tindersticks – »The Waiting Room«

Tindersticks - The Waiting Room

Fifty Shades of düster. Stuart A. Staples wird diese Schwere in diesem Leben wohl nicht mehr los. Auch auf dem zehnten regulären Album der Tindersticks führt er die Zuhörer auf eine musikalische Nachtwanderung. Das warme Timbre seiner Stimme ist die Taschenlampe in der Dunkelheit. An manchen Stellen fungieren zudem Bläser und Streicher als Straßenlaternen, die kurz ein Spotlight auf den Weg werfen.

Doch der Rest ist Düsternis – und das im denkbar schönsten Sinne. Staples und seine Mitmusiker gewinnen der Melancholie eine klangliche Vielfalt ab, wie es sie derart unprätentiös nur unter dem Label Tindersticks geben kann. Unterstützung findet der Maestro bei Lhasa de Sala, deren Beitrag zum gemeinsamen Duett »Hey Lucinda« bereits im Jahr 2010 und somit kurz vor ihrem Tod entstand.

Erst für »The Waiting Room« sah sich Staples in der Lage, dieses Stück in ihrer beiden Sinne zu vollenden. Hier fast romantisch schmeichelnd, gelingt das Duett mit Jenny Beth von den Savages um einiges schroffer. Nicht minder düster, aber eben in einer anderen Schattierung.

Drüben bei Bandcamp gibt es die Möglichkeit, in »The Waiting Room« hineinzuhören. Viel Vergnügen.

Musik in 1.000 Zeichen: FJØRT – »Kontakt«

Fjørt - Kontakt

Alle Achtung, das ist mal ein Brocken. Brachial und schonungslos dampfstrahlen sich FJØRT durch die elf Tracks ihres neuen Albums. Was sich dem Aachener Trio in den Weg stellt, wird niedergerissen. Bei aller kolossalen Härte, die »Kontakt« ausmacht, blitzt aber auch immer wieder der Wille zu Melodie durch.

Hier wird nicht einfach stumpf draufgehauen, hier wird das Beste aus Post-Hardcore und Post-Rock in seine Einzelteile zerlegt und zu einem knackigen Stück Katharsis neu zusammengeschraubt. Über das Donnern, Fetzen und Zerren legt Sänger Chris seine biographischen Schilderungen oder Ansichten zu gesellschaftlichen Themen – alle soweit abstrahiert, dass sie sich nicht unmittelbar erschließen; alle soweit ins Lyrische verlegt, dass sie als nebulöse Slogans hängenbleiben, die man der nächsten Scheißsituation ins Gesicht brüllen möchte.

Mit FJØRT hat sich innerhalb von nur einer EP und jetzt zwei Alben eine Urgewalt erhoben, die das Genre Post-Hardcore mit einer Leidenschaft und einer Explosivität erfüllt, wie man es hierzulande lange nicht gehört hat. Ein Sprachrohr der Zornigen und Getriebenen.

Einen guten Eindruck vom FJØRT-Dampf verschafft »Anthrazit«, das zweite Video zum neuen Album: Video nach dem Klick …

Musik in 1.000 Zeichen: Correatown – »Embrace The Fuzzy Unknown«

Correatown - Embrace The Fuzzy Unknown

Angela Correa macht auf ihrem neuen Album dort weiter, wo sie vor drei Jahren mit »Pleiades« aufgehört hat: mit becircendem Dream Pop, mit glasklarer Stimme über verhangenen Gitarren, mit Synthies und Handclaps, mit eingängigen Melodien und Arrangements, die an die großen Namen des Genres erinnern – an Mazzy Star oder die Cocteau Twins.

Völlig nahtlos gelingt der Anschluss an die eigene Vergangenheit dennoch nicht. Muss er auch nicht. Zu viel ist in der Zwischenzeit passiert – Correa hat geheiratet, ein Kind zur Welt gebracht. Diese einschneidenden Erlebnisse haben die Kalifornierin verändert. Und die Veränderungen sind wiederum in der Musik, vor allem aber in den Texten ihres Projekts Correatown spürbar.

Die zehn Stücke auf »Embrace The Fuzzy Unknown« entstanden im Lauf dieser drei Jahre und packen die großen Themen des Lebens an. Woher, wohin und warum überhaupt? Und jeder Zuhörer ist eingeladen, seine persönlichen Antworten zu finden.

Auf der Bandcamp-Seite von Correatown gibt es zwar keine Hörproben des aktuellen Albums, einen Eindruck von Angela Correas Musik kann man dort dennoch gewinnen.

Musik in 1.000 Zeichen: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – »Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen!«

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen - Rüttel mal am Käfig

Freunde des gepflegten Schwofens, aufgepasst! Nach dem Jahreswechsel 2015/2016 empfiehlt es sich, die Tanzschuhe nicht allzu weit wegzupacken. Kaum zwei Wochen ins neue Jahr hinein serviert die Liga der gewöhnlichen Gentlemen einen Zehnerpack Songs, der mindestens mitwippend genossen werden will.

Northern Soul, Sunshine Pop und ein Hauch Punk: Die Zutaten haben sich im Vergleich zu den ersten beiden Alben der Liga nicht verändert. Dennoch ist alles noch etwas konsequenter und schlichtweg schöner. Die Gentlemen haben ihren Sound seit dem Debüt verfeinert. Ach, einigen wir uns doch auf »perfektioniert«. Da unterfüttern die tighte Gitarre und das treibende Schlagzeug herrliche Bläsersätze Marke Stax, einen groovenden Motown-Bass oder Chöre wie damals auf Shrine – aber das hier ist Tapete, das ist Hamburg und Sänger Carsten erzählt seine Geschichten auf Deutsch.

Vom besten Zechpreller der Welt ist da die Rede, von einem Esels-Asyl in England, der Schönheit des Amateurfußballs oder einem verachtenswerten Fetisch namens Arbeitsmoral. Das hält den Kopf in Bewegung, derweil die Füße eh nicht stillstehen. Ja, die Liga hat alles – natürlich auch ein Video zum Zechpreller. Weiterlesen

Musik in 1.000 Zeichen: Björn Kleinhenz – »Ursa Minor«

Björn Kleinhenz - Ursa Minor

So kennen wir Björn Kleinhenz ja noch gar nicht. Ausladend und aufwändig hat der ansonsten zurückhaltende deutsch-schwedische Singer/Songwriter dieses Album arrangiert – mit Streichersätzen, Over-Dubs und allem, was dazu gehört. Das Beste daran: Dem Ergebnis dieser Arbeit hört man den Aufwand nicht im Geringsten an.

Denn alles sitzt genau am richtigen Ort, keine Spur von unnötig dicker Hose oder überkandidelt epischen Songs. Sicher würden die insgesamt zehn Stücke auch eine Nummer kleiner funktionieren. Gerade live werden sie das wohl künftig auch tun. So wie sie hier sind, glänzen sie aber eben noch den einen Tick heller, ohne den Hörer zu blenden.

Und so ist »Ursa Minor« ein kleines Meisterwerk mit ausgefeilter Melancholie und etlichen Momenten musikalischer Schönheit. Wenn es irgendwann Winter werden sollte, stünde hiermit ein Album bereit, das jedem gemütlichen Zuhause-Nachmittag das Tüpfelchen aufs i setzt.