Musik in 1.000 Zeichen: Apologies, I Have None – »Pharmacie«

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Die letzten beiden Jahre werden nicht als »der Knaller« in die Bandgeschichte eingehen. Unter anderem eine zwischenzeitliche Verschlankung vom Quartett zum Trio markiert die schweren Zeiten, durch die Britanniens Vorzeige-Heartcoreler zuletzt gegangen sind. Jetzt sind sie in anderer Besetzung wieder zu viert, vor allem aber wieder da.

Und auf »Pharmacie« nehmen Apologies, I Have None den Erzählfaden auf, den sie selbst nach dem Debüt »London« und einer weiteren EP liegengelassen hatten. Textlich bewegt sich das Album im selben düsteren Themenkomplex zwischen Ängsten, Hoffnungslosigkeit und maximalem Unwohlsein. Konkret erzählt »Pharmacie« [Affiliate Link] von geistiger Gesundheit, deren Verlust und einem Paar, das mit diesem Problem zu kämpfen hat.

Klanglich findet diese Geschichte ihre Entsprechung in breiten Gitarrenwänden und hallenden Crescendi, die jeden Song zu seinem Höhepunkt und Sänger Josh McKenzie zum Ausbruch begleiten. An anderer Stelle reißen die Gitarren von Beginn an voll auf, um den Hörer von A bis Z durchzurütteln. Frühe Thursday kommen diesem als Vergleich in den Sinn, nur irgendwie verzweifelter und lichtloser. Es wird wohl bald Herbst.

Auf der Bandcamp-Seite der Band bietet sich die Gelegenheit, »Pharmacie« zu hören.

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Musik in 1.000 Zeichen: Z-Country Paradise – »Z-Country Paradise«

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»Meine Damen und Herren, wir erreichen jetzt Z-Country. Bitte schnallen sie sich an.« Prima Rat, denn eine Reise in dieses Land ist beileibe kein gemütlicher Ausflug. Das hier ist eine Odyssee mit rauer See und einer unglaublichen Sirene namens Jelena Kuljic.

Circend und flüsternd lockt die Vokalkünstlerin den Hörer, fauchend und grimmend fesselt sie ihn und wenn ihre Mitmusiker fertig sind, jagt sie ihn zischend und jauchzend wieder fort. Alleine diese Stimme mit ihren schier unendlichen Modulationsmöglichkeiten liegt schon fernab jeder musikalischen Kategorisierung. Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagzeug, die Kuljics Tun mal fein tupfend, mal im gestreckten Galopp unterfüttern, geben dem nach der Genre-Schublade Suchenden den Rest. Auf »Z-Country Paradise« [Affiliate Link] wird schon Jazz serviert, aber auch Funk und Noise und No Wave und ohne Frage Punk.

Bisweilen wähnt man sich gar in eine musikalische Schlägerei hineingeraten, während Kuljic Gedichte von Rimbaud und Simic oder einen Erfolgsratgeber rezitiert. Am Ende dieser wild verstörenden 70 Minuten gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man hat im Z-Country sein Paradies gefunden oder eben nicht.

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Musik in 1.000 Zeichen: The Album Leaf – »Between Waves«

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Seit dem Ende der 90er-Jahre unterwegs, haben Jimmy LaValle und die Seinen zwischen Indie Rock, Ambient und Electronica einen derart unverkennbaren Sound kreiert, dass er auch durch sämtliche Veränderungen hindurchblitzt, die es auf dem sechsten Album zu hören gibt.

»Between Waves« ist irgendwie anders und doch so typisch Album Leaf – experimentierfreudig, detailverliebt, epische Klangwelten erforschend. Diesmal fehlt allerdings die massive Schwere früherer Werke. Selbst potenziell wehmütige Passagen kommen mit fast fröhlichem Geschmack auf der Zunge daher. Ja, zwischendurch macht sich ein Gefühl von Euphorie breit. Das mag an der neuen Besetzung der Band liegen oder daran, dass beim Entstehungsprozess des Albums jeder beteiligte Musiker gleichberechtigt mitreden durfte.

Letztlich kommt es auf den Grund aber auch gar nicht an, solange die Grundbotschaft hängenbleibt: »Between Waves« [Affiliate Link] ist das untypischste typische Album-Leaf-Werk, das seit der Bandgründung die Plattenläden dieser Welt gesehen hat. Eine feine Mischung aus Routine und knisternder Spannung.

Auf der Bandcamp-Seite von The Album Leaf gibt es »Between Waves« zum Anhören und Erstehen. Sogar in einer Deluxe-Version.

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Musik in 1.000 Zeichen: Moddi – »Unsongs«

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Zwölf Lieder hat der Norweger Pal Moddi Knutsen zusammengetragen, die es nach dem Willen einiger (Ex-)Mächtiger nicht geben dürfte. Jedes einzelne stand oder steht in einem anderen Land auf dem Index – und das nicht nur in Unrechtsstaaten. Kate Bushs »Army Dreamers« etwa wurde während des ersten Golfkriegs von der BBC nicht gespielt, weil es die Leiden der Mutter eines toten Soldaten zu sehr verdeutlichte.

So steht dieser Song hier Seite an Seite mit einem Gedicht des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo, einem offenen Brief des algerischen Rebellen Lounès Matoub oder einem Lied des Allende-Freundes Viktor Jara, den die Pinochet-Schergen wegen seiner Texte sogar hinrichteten. Alte Werke sind dabei wie das gesangliche Aufbegehren der Samen gegen ihre norwegischen Unterdrücker, aber auch Brandneues wie das Punk Gebet von Pussy Riot.

All diesen Stücken, diesen »Unsongs« [Affiliate Link], hat Moddi ein neues klangliches Gewand gegeben, hat seinen Folk an den passenden Stellen behutsam mit Trompete, Harmonium oder Glockenspiel aufgemotzt, um den Zensierten ihren würdigen Rahmen zurückzugeben. Ein ausführliches Booklet macht aus dem Hörgenuss zudem eine hochinteressante Geschichtsstunde.

Einige der »Unsongs« finden sich als einzelne Veröffentlichungen auch auf der Bandcamp-Seite von Moddi.

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Musik in 1.000 Zeichen: The Handsome Family – »Unseen«

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Natürlich könnte man es auf »True Detective« schieben, dass Lieder der Handsome Family einem immer abstruse Gangster-Kurzfilme aus dem Süden der USA vor das innere Auge malen. Tatsächlich aber war das auch schon so, bevor ihr Song »Far From Any Road« zum Titelsong der ersten Staffel wurde.

Rennie Sparks hat schon immer düstere kleine Geschichten geschrieben. Und ihr Mann Brett hat diese Geschichten immer schon mit warmem Bariton über eine klassische Country-Besetzung mit Pedal Steel gesungen. »Unseen« [Affiliate Link], das inzwischen zehnte Album der Handsome Family, bildet da keine Ausnahme – beginnend mit »Gold«, der Geschichte eines in die Dunkelheit fahrenden Mannes mit Schlangentattoo, Skimaske und Schusswunde, über die Hommage an William Crookes, der mittels Vakuumröhre andere Dimensionen erreichen wollte (»Gentlemen«) bis hin zu in der Wüstensonne bleichende Knochen bei »King of Dust«.

Die schrägen Texte und die recht unüberraschende Musik bilden eine insgesamt seltsam faszinierende Kombination. Finden im Übrigen auch Bruce Springsteen, Axl Rose und Ringo Starr, die allesamt Fans der Handsome Family sind.

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Musik in 1.000 Zeichen: AJJ – »The Bible 2«

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Schon die Oma wusste: »In jedem Witz ist ein Loch, durch das die Wahrheit pfeift.« AJJs jüngstes Werk ist textlich einmal mehr randvoll mit Witzen – mit ironischen und zynischen, mit kindischen und um die Ecke gedachten.

Das fängt schon mit dem Albumtitel an, der eine Überarbeitung des Handbuchs zum Christentum in Aussicht stellt und hinter dem sich gerade einmal 30 Minuten enthusiastischen LoFi-Garage-Folk-Indierock verbergen. Und im Verlauf dieser halben Stunde rinnt zwischen Augenzwinkereien und zur Schau gestellter Schluffigkeit eine enorme Reife ins Ohr des Hörers. Metaphernreich legen AJJ den Finger in die wunden Stellen unserer Gesellschaft. Genau zeichnet das Quartett aus Phoenix in seinen Texten nach, woran unsere Zeit krankt.

Theoretisch hätte das das Zeug zum Runterziehen, wenn da nicht diese ungeheuer positive Musik wäre, diese grandios strahlenden Harmonien, die Arrangements voller Sommerfrische und das »Alle mitklatschen jetzt!«-Uptempo in bester Violent-Femmes-Manier. Ja, »The Bible 2« [Affiliate Link] ist eine Offenbarung. Kein Witz! Oder einer mit Riesenloch.

Drüben auf der Bandcamp-Seite von AJJ kann man »The Bible 2« komplett hören und auch erstehen. Viel Vergnügen.

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Musik in 1.000 Zeichen: Teenage Fanclub – »Here«

Teenage Fanclub - Here

Muss sich eine Band hin und wieder neu erfinden? Wer während des Kauens auf dieser Frage Teenage Fanclub hört, kann nur eine Antwort finden: Nein! Seit ewigen Zeiten basteln die Schotten mit einer an Sturheit grenzenden Beharrlichkeit an ihrem Trademark-Sound zwischen Byrds, Big Star und Orange Juice.

Ungeachtet aller musikalischen Entwicklungen hauen sie alle paar Jahre eine Platte raus, die immer auf wunderbare Art jenseits aller Zeit zu existieren scheint. Album Nummer Zehn ist wieder mal ein Stück Musik, das genau so auch toll in den Neunzigern funktioniert hätte, das im Jahr 2016 aber trotzdem überhaupt nicht antiquiert daherkommt. Wie alle seine Vorgänger glänzt »Here« [Affiliate Link] durch ein wahres Sammelsurium an griffigen Melodien und catchy Hooklines, hallenden Gitarren und mehrstimmiger Schönheit.

Kein Wunder, sind hier mit Norman Blake, Raymond McGinley und Gerard Love drei der feinsten schottischen Songwriter am Werk, die das Dutzend Lieder zu gleichen Teilen komponiert haben. Und weil jeder seine Stücke anders angeht als die Kollegen, entsteht in Summe eine Vielfalt, die jedes Neuerfinden obsolet macht.

Im Soundcloud-Kanal des bandeigenen Labels PeMa gibt er ein paar Kostproben von »Here«.

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