Wir sind dann mal weg

tsv bei viktoria Wir sind dann mal wegSeit einigen Wochen macht in Aachen ein Witz die Runde, der mit einer seltsamen Frage beginnt: Was ist der Unterschied zwischen Felix Baumgartner und der Alemannia? Nach dem obligatorischen Schulterzucken des Gegenübers folgt die Antwort: »Felix Baumgartner konnte sicher sein, dass sein freier Fall irgendwann endet.« Dass dieser Gag nicht flächendeckend für Schenkelklopfer sorgt, mag mit dem doch arg bemüht wirkenden Vergleich zwischen dem Weltraumspringer und einem Fußballverein zu tun haben. Dass aber gerade Anhängern der Alemannia das Lachen im Halse stecken bleibt, liegt ganz sicher daran, dass der Witz trotz aller Bemühtheit eine schmerzhafte Portion Wahrheit enthält.

Wenn es im deutschen Fußball derzeit einen Inbegriff für freien Fall gibt, dann ist das wohl unsere Alemannia aus Aachen. Auch nach dem zweiten Abstieg in Folge deutet nicht wirklich viel darauf hin, dass irgendwo ein Fallschirm aufginge. Vielleicht ist das eine allzu pessimistische Sicht auf die Dinge. Aber ein Pessimist, so hat dereinst ein großer Aachener Fußballphilosoph während so mancher Auswärtsfahrt gepredigt, ist eben ein Optimist mit Erfahrung. Und Erfahrung haben wir in den letzten Jahren zur Genüge sammeln können. zum Artikel →

Da ist das Ding: IN DER PRATSCH 18

DSC 0564 Da ist das Ding: IN DER PRATSCH 18Es ist eine ganze Weile her, dass eine neue Ausgabe vom »Pratsch« erschienen ist. Genauer gesagt sind seit der Nummer 17 mehr als zwei Jahre ins Land gegangen. Zwischenzeitlich waren wir – im Sinne von »die Redaktion« – gar nicht mehr so sicher, ob es unser Heft überhaupt noch gibt. Oder noch einmal geben wird. Mehrfach haben wir zur Nummer 18 angesetzt. Dass wir die ersten Ansätze nicht voll durchgezogen haben, lag zum Teil an der Geschwindigkeit, in der sich die Dinge bei der Alemannia entwickelten. Kaum hatten wir etwas geschrieben, war es auch schon wieder überholt. Zum Teil hatte sich auch eine gewisse Trägheit breit gemacht. Die ständig neuen und immer schlechten Nachrichten haben uns mit der Zeit mürbe gemacht. Bis dann plötzlich alles recht schnell ging. Und zack, seit kurzem steht unsere neue Ausgabe in den Regalen der Verkaufsstellen. Mit vielen bunten Bildchen und jeder Menge Buchstaben, die sich zum Beispiel mit der Interessengemeinschaft der Alemannia Fans und Fan-Clubs beschäftigen. Die ein Porträt von »Bübbes« Kehr, Mittelstürmer in den ausgehenden 70er Jahren, zeichnen. Die von einem Gespräch mit zwei wichtigen Herren der Aachener Wirtschaftswelt und Freunden der Alemannia berichten. Und was sonst nicht noch alles.

Nachfolgend noch zwei Bilder, die als exemplarische Einblicke ins Heft zu verstehen sind. Das Gesamtwerk hier hineinzusetzen, wäre ein bisschen zu viel des Guten. (Warum ausgerechnet diese Seiten? Ein Zufallsgenerator hat mir die jeweiligen Zahlen ausgespuckt.) Ein Artikel aus IDP18 findet sich im Übrigen drüben auf der Webseite unseres Magazins.

DSC 0567 Da ist das Ding: IN DER PRATSCH 18

DSC 0565 Da ist das Ding: IN DER PRATSCH 18

Ultrakurze Leitung

DSC 0562 Ultrakurze LeitungHandy, Internet, TV: Es gibt heutzutage eine Menge Möglichkeiten, das Spielgeschehen zu verfolgen, wenn man einmal nicht live im Stadion dabei sein kann. Doch schon auf den zweiten Blick trennt sich die oberflächliche Spreu vom informativen Weizen. Wie schön, dass es auch im Zeitalter der multimedialen Komplettbespaßung immer noch den guten, alten Hörfunk gibt.

Dass SMS zum Austausch kurzer Nachrichten gedacht sind, merkt der verhinderte Stadionbesucher spätestens, wenn er sich am Spieltag von diesen Diensten abhängig macht. Weil sich die meisten auf das Mitteilen von Toren, Auswechslungen, Halbzeit- und Endständen beschränken, bleibt alles Weitere der Vorstellungskraft des Empfängers überlassen. Internet-Liveticker präsentieren sich zwar deutlich ausführlicher. Aber auch durch nett animierte Bildchen verlieren deren immer gleiche Formulierungen nicht ihre auf Dauer ermüdende Nebenwirkung. Nur überdurchschnittlich lethargischen Zeitgenossen bietet neunzigminütiges Anstarren des Videotextes einen gewissen Unterhaltungswert. Wer nach einem 0:0 der eigenen Mannschaft nicht das Gefühl hat, bei dieser Beschäftigung anderthalb Stunden seines Lebens verschenkt zu haben, darf sich mit Fug und Recht zu den Großmeistern der Fußballmeditation zählen. All diese Informationsquellen haben ohnehin eines gemeinsam: Ihre Suppen schmecken ungesalzen. Während einer Partie entstehende Emotionen sind auf diesen Wegen schlicht unvermittelbar. zum Artikel →

Schönfärberei bis zum Schluss

Alleine die Überschrift der offiziellen Mitteilung war schon eine Frechheit. Wie unverfroren muss man eigentlich sein, ein Minus von 4,5 Millionen Euro in der Alemanniakasse, die daraus resultierende Zahlungsunfähigkeit und einen geplanten Insolvenzantrag unter dem euphemistischen Titel »Alemannia plant Neuaufbau in der Regionalliga« zu verkaufen? Andererseits passt dieses Vorgehen ganz hervorragend in das Bild, das die Verantwortlichen der Schwarz-Gelben abgeben, seitdem der Verein – oder besser: die GmbH – am finanziellen Abgrund herumtaumelt. Mit immer neuen Schönfärbereien und bestenfalls halben Wahrheiten wurde bislang der Eindruck zu erwecken versucht, die Situation jederzeit fest im Griff zu haben. So auch zur Stunde Null. Selbst mit dem Strick um den Hals wird hier also noch geplant.

Immerhin hatten die anwesenden Aufsichtsräte bei der Pressekonferenz die passenden Leichenbittermienen aufgesetzt. Ansonsten gab es statt Demut aber eine ganze Menge Drumherum- und Herausgerede. »Wir haben doch gar nicht alles gewusst.« Zwei Wochen hat der hinzugezogene Restrukturierungsbeauftragte gebraucht, um sich in die Bücher der Alemannia einzulesen und das Ausmaß der Misere zu ergründen. Wie viele Monate – ja, teilweise sogar Jahre – hatten diejenigen dazu Zeit, die den offenbar überforderten und mittlerweile geschassten Geschäftsführer beaufsichtigen sollten? Und was ist dabei herausgekommen?

Für den Verein und seine Fans bleibt zu hoffen, dass zumindest der als geplant angepriesene Neuaufbau in Liga 4 gelingt. Dass dieselben Herren, die mit auf den Eisberg zugesteuert sind, den lecken Kahn jetzt wenigstens bis ans rettende Ufer – sprich: ans Saisonende – gerudert bekommen. Die Alternative hieße kompletter Neuanfang in der Kreisklasse. Aber selbst dafür würde sich bestimmt ein schöner Euphemismus finden lassen.

Für die Dezemberausgabe des »klenkes« war ich gebeten worden, die Nachricht von der bevorstehenden und mittlerweile beantragten Alemannia-Insolvenz und die entsprechende Pressekonferenz am 16.11.2012 zu kommentieren. Das kam dabei heraus.

Herrn Lehmanns Reisen

DSC 8837 Herrn Lehmanns ReisenEr hat Aufstiege gefeiert und Abstiege verhindert, hat in Pokalendspielen gestanden und wurde zeitweilig als Kultfigur bejubelt. Dennoch ist Dirk Lehmann dem Gros der Fußballfans in Deutschland unbekannt geblieben. Weite Teile seiner bewegten Laufbahn verbrachte der Aachener jenseits der Grenzen seines Heimatlandes. Eine Odyssee im Zeitraffer.

Kilometer um Kilometer rollt die Autobahn unter seinem Auto hindurch. Noch eine gute Stunde, dann wird Dirk Lehmann zu Hause sein – in Aachen, auf dem Tivoli. Dort wird er auf der Haupttribüne Platz nehmen, um sich ein Zweitligaspiel anzuschauen: Jahn Regensburg ist zu Gast bei der Alemannia. Sein aktueller Arbeitgeber bei seinem Heimatverein. Seit Tagen hat sich der Mittelstürmer auf diese Partie gefreut. Gestern hat er erfahren, dass sie ohne ihn stattfinden wird. Statt des versprochenen Platzes in der Startelf steht er nicht einmal im Kader. Im Laufe seiner Zeit beim Jahn hat Lehmann schon einige Tiefschläge hinnehmen müssen. Guten Trainingsleistungen und reichlich Testspieltoren zum Trotz hat er im Ligaalltag häufig keine Berücksichtigung gefunden. Bislang hat sich der zum Joker Degradierte dennoch nicht hängen lassen. Doch dieses gebrochene Versprechen bringt das Fass bei ihm zum Überlaufen. zum Artikel →

Selbstverständlich Zweitligist

Seit dem Trainingsbeginn vor einigen Wochen ist das Projekt »Nur kurz Dritte Liga« bei der Alemannia im vollen Gange. Der offizielle Startschuss zum Kampf um den Wiederaufstieg fällt Ende Juli mit einem Auswärtsspiel auf der Bielefelder Alm. Und eine direkte Rückkehr in Liga Zwei wäre aus gleich mehreren Gründen wünschenswert. Neben dem Selbstverständnis des Vereins und seiner Fans, dass die Alemannia einfach in die Zweite Bundesliga gehört, ist vor allem die wirtschaftliche Situation der Schwarz-Gelben zu nennen. Zwar scheint der Super-Gau namens Insolvenz fürs Erste (mal wieder) vom Tisch zu sein, ein längerer Verbleib in der Dritten Liga würde das Thema jedoch, so munkelt man in Fankreisen, ruckzuck zurück auf die Tagesordnung holen. Will man nicht den traurigen Weg anderer Traditionsvereine gehen, sollte der Betriebsunfall Abstieg also zeitnah behoben werden.

Heimlich dran glauben
Ach, mit der aktuellen Mannschaft wird das schon klappen, hätte ich jetzt beinahe geschrieben. Aber solche Sachen mache ich nicht mehr. Immerhin kann derart anlassloser Optimismus, im Rückspiegel betrachtet, bisweilen ziemlich peinlich rüberkommen. Ich weiß genau, wovon ich rede: Vor ziemlich genau einem Jahr war ich an dieser Stelle vollkommen begeistert von den Spielern, die Erik Meijer seinerzeit an Land zog. Gerade im Verlauf der Rückrunde habe ich mir diese allzu positive Sichtweise von meiner kleinen Fußballguckgemeinschaft einige Male unter die rosarot bebrillte Nase reiben lassen müssen. Dass ich momentan schon wieder drauf und dran bin, der Alemannia und ihren Neuzugängen eine goldene Zukunft zu bescheinigen, wird darum niemand erfahren. Ich bin vielleicht bescheuert. Aber das muss ja nicht unbedingt jeder wissen.

(»Kurvendiskussion«, meine Kolumne zur Alemannia aus Aachen erscheint monatlich im »Klenkes«. Nachlesen kann man sie meistens auch hier. Meistens.)

Mittel zum Party-Zweck

4732658394 dd1ea28e83 z Mittel zum Party Zweck

Foto: Ute Köhler

Ein paar Jahre ist es her, die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland stand gerade vor der Tür, da entdeckten findige Event-Organisatoren die Partytauglichkeit des Volkssports Nummer Eins. Sie stellten riesige Leinwände auf, pferchten die Menschen zu Tausenden davor zusammen, beschallten sie mit Stimmungsmusik, reichten ihnen Getränke und ließen die Spiele beginnen. Das Public Viewing war geboren. Zwei Jahre nach ihrer letzten Hochzeit zur WM in Südafrika wird diese Verballermannisierung des Fußballs schon bald in die nächste Runde gehen. Eine Europameisterschaft ist diesmal turnusgemäß an der Reihe. Und wieder wird man das Partyvolk scharenweise zu den Marktplätzen der Republik pilgern sehen – vorgeglüht, angemalt, ordentlich befahnt. Doch aller kollektiven Ekstase zum Trotz: Mit Fußballgucken hat das Ganze höchstens am Rande zu tun. (Foto veröffentlicht unter cc by-nd 2.0) zum Artikel →

Weiter im Text

Und zack waren wir weg vom Fenster. Schon in den Wochen vor dem Saisonfinale hatte man sich auf dieses Szenario vorbereiten können. Geändert hat das an der bitteren Enttäuschung im Moment der Gewissheit aber nichts. Am Ende zogen wir im Rennen um den Relegationsplatz den Kürzeren und werden so niemals erfahren, ob wir uns gegen Jahn Regensburg besser geschlagen hätten als der KSC. Vielleicht, wenn der Trainerwechsel nur zwei Wochen früher … oder der Elfmeterpfiff in Ingolstadt gar nicht … »Du denkst zuviel nach« meinte letztens mein Bekannter Gerd zu mir. Obwohl, Bekannter? Abgesehen von seinem Lieblingsverein weiß ich nichts über Gerd. Pfingsten 2004 sind wir uns im Nachklang des DFB-Pokalfinales über den Weg geschunkelt. Seitdem unterhalten wir uns über die Alemannia, wann immer wir uns zufällig auf der Straße begegnen. Neulich war es wieder einmal so weit.

Externe Erdung
Da standen wir also am Elisenbrunnen. Ich holte gerade aus, ein paar Eventualitäten durchzukauen, die den Abstieg noch hätten verhindern können, als Gerd mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Dem Vorwurf, ich würde zuviel nachdenken, ließ er gleich noch zwei Fragen folgen: »Wat bringt dat Nachkarten denn? Nix, wa?« Den Rest unseres kurzen Gesprächs verbrachten wir damit, gemeinsam nach vorne zu schauen. Weil es ja sowieso immer weitergeht, sagt der Gerd. Egal, wie pleite die Alemannia gerade ist oder wie beschissen sie Fußball spielt. Oder in welcher Liga. »Jetzt mal im Ernst: Sogar wenn die eines Tages gegen Vaalserquartier spielen, rennen wir doch dahin. Wir und die anderen Bekloppten. Weil et nur um Alemannia jeht. Stimmt doch, wa?« Ich habe genickt. Danach kam sein Bus. Und zack war ich wieder geerdet. Danke Gerd.

(»Kurvendiskussion«, meine Kolumne zur Alemannia aus Aachen erscheint monatlich im »Klenkes«. Nachlesen kann man sie meistens auch hier. Meistens.)

Fußballfanfotos: Carl, seine Kamera und manchmal auch ich

Den Fotografen Carl Brunn und seine Fußballaffinität hatte ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Dass ich selbst viel für diesen Sport übrig habe, dürften regelmäßige Besucher der Seite auch längst mitbekommen haben. Jetzt machen Carl und ich noch ein bisschen mehr gemeinsame Sache, als wir es bislang mit dem Magazin »In der Pratsch« ohnehin schon taten.

fffscreen Fußballfanfotos: Carl, seine Kamera und manchmal auch ich

Ohne Frage trägt Carl den Hauptteil zu diesem Blog mit dem eigentlich schon alles erklärenden Namen »FußballFanFotos« bei. Wann immer er sich einem Fußballstadion nähert, zückt er seine Kamera und lichtet besonders markante Fans vor Ort ab. Und falls der eine oder andere Geknipste noch etwas erzählen möchte, komme ich ins Spiel. Mit, ach wie überraschend, der Formulierung der entsprechenden Texte.

Das Ergebnis ist jedenfalls seit einiger Zeit online. Jetzt hat Carl entschieden, dass wir es herumerzählen können. Was hiermit geschehen sein soll. Und bevor jemand fragt: Ja, alle Fotografierten sind mit der Veröffentlichung ihrer Bilder einverstanden.

Freier Raum

Cafayate 246x300 Freier RaumVor über zwei Stunden haben wir Cafayate hinter uns gelassen, seitdem nichts anderes gesehen als Steine und Kakteen. Längst ist aus der anfänglich gemütlichen Wanderung eine beschwerliche Kraxelei geworden. Nur das Plätschern des kleinen Bächleins lässt uns erahnen, dass wir immer noch auf dem richtigen Weg sind. Tief in diesem Canyon soll mit einem majestätischen Wasserfall ein wahres Naturschauspiel auf uns warten. So hat uns zumindest Walter versprochen, der Wirt unseres Hostels. Hinter der nächsten Biegung finden wir aber erst einmal etwas völlig anderes. Eine kleine Lichtung tut sich auf, an deren Rand jemand zwei Stangen in den Sandboden gerammt hat. Eine dritte, auf den beiden anderen quer liegende, komplettiert das Werk. Hier steht ein Fußballtor. Mitten im Nichts. Alles andere hätte uns auch gewundert.

Drei Wochen lang waren meine Freundin und ich im Frühjahr 2006 mit dem Rucksack in Südamerika unterwegs. Während zu Hause Alemannia in die Bundesliga aufstieg und sich der Rest der Heimat für die bevorstehende WM herausputzte, hätten wir an allen möglichen und einigen unmöglichen Orten Gelegenheit zum Kicken gehabt. Egal ob Wildnis oder Großstadt: Wo immer sich Platz bot, schienen die Einheimischen ein bis zwei Tore hingestellt zu haben. Und wir haben draufgehalten. In Ermangelung eines Balles allerdings nur mit dem Fotoapparat. (Ein besonders skurriles Spielfeld ist uns dabei leider durch die digitalen Lappen gegangen. Den dreieckigen Bolzplatz mitten in der chilenischen Hafenstadt Antofagasta, eingepfercht zwischen zwei Straßen und einer Eisenbahntrasse, umgeben von einem fünf Meter hohen Zaun, haben wir erst viel zu spät als solchen erkannt. Da war unser Überlandbus schon fast um die nächste Ecke gebogen.) Einige der damals entstandenen Schnappschüsse gibt es nach dem Klick zu sehen. …besagter Klick