Georges Paul: Außer man tut es

Schnüss September 2016, Seite 32

Ob als Musi­ker oder als Mit­or­ga­ni­sa­tor von Kon­zer­ten und ande­ren Ver­an­stal­tun­gen: Geor­ges Paul setzt auf Selbst­be­stim­mung statt irgend­ein ein­engen­des System.

Letzt­lich schmeißt Geor­ges Paul die CD doch noch in den Play­er. Bis­lang war er nicht dazu gekom­men, das Dop­pel-Album zu hören, das ihm eine Bekann­te gelie­hen hat­te. Doch mor­gen möch­te sie ihre Plat­te zurück­ha­ben. Sicher wird sie fra­gen, wie Geor­ges die Musik fand. Mehr aus Höf­lich­keit nimmt er sich jetzt also Zeit für die­sen Kon­zert-Mit­schnitt des Art Ensem­ble of Chi­ca­go. Was er hört, schüt­tet Ben­zin auf ein bis dahin nicht gekann­tes Feu­er. Schon nach weni­gen Minu­ten steht Geor­ges Paul inner­lich in Flam­men. Sei­ne Höf­lich­keit wird sein Leben und vor allem sein künst­le­ri­sches Schaf­fen ent­schei­dend verändern.

Freier Geist im Kollektiv

»Ich war damals in einer Pha­se, in der ich nicht wuss­te, wohin es mit mir und der Musik gehen soll­te«, erin­nert sich Paul noch ganz genau an die­sen Abend vor ein paar Jah­ren. »Als die CD lief, war mir sofort klar: Das ist es!« Bis heu­te brennt der 34-Jäh­ri­ge lich­ter­loh für das Art Ensem­ble of Chi­ca­go, für Free Jazz und impro­vi­sier­te Musik. Neben der Musik begeis­tert ihn auch der frei­heit­li­che Ansatz des Künst­ler­kol­lek­tivs, das seit jeher in allen Berei­chen gro­ßen Wert auf Selbst­be­stim­mung legt – von der Kon­zert­or­ga­ni­sa­ti­on bis hin zum Unter­richt für den inter­es­sier­ten Nachwuchs.

Foto: Yuri Brodsky
Foto: Yuri Brodsky

Dass das Art Ensem­ble auch sei­ne Plat­ten schon in den Anfangs­ta­gen Mit­te der 60er-Jah­re auf eige­ne Faust her­aus­brach­te, ist zum Teil sicher der man­geln­den Nach­fra­ge bei renom­mier­ten Labels geschul­det. Es ent­spricht aber eben auch dem frei­en Geist der Trup­pe, die damit qua­si den Grund­stein für die DIY-Kul­tur leg­te. Do it yourself. Auch Geor­ges Paul folgt die­sem Credo.

Ana­log zu den Vor­bil­dern in Chi­ca­go, die mit der Grün­dung der »Asso­cia­ti­on for the Advan­ce­ment of Crea­ti­ve Musi­ci­ans« ein Fun­da­ment für ihr viel­fäl­ti­ges Tun leg­ten, hat er mit Gleich­ge­sinn­ten wie dem Regis­seur Pavel Boro­din vor rund zwei Jah­ren die In Situ Art Socie­ty aus der Tau­fe geho­ben. Unter ihrer Flag­ge arbei­tet gut ein hal­bes Dut­zend Musi­k­en­thu­si­as­ten dar­an, das kul­tu­rel­le Ange­bot Bonns brei­ter zu gestalten.

Das geschieht vor allem mit der Orga­ni­sa­ti­on von Kon­zer­ten in hier ansons­ten unter­re­prä­sen­tier­ten Berei­chen wie Free Jazz, Neue oder impro­vi­sier­te Musik – aber auch mit Film­vor­füh­run­gen und aktu­ell seit Anfang Sep­tem­ber mit einer Aus­stel­lung von Musi­ker­por­träts des Foto­gra­fen Peter Gan­nush­kin im Dia­log­raum Kreu­zung an Sankt Hele­na in der Bon­ner Nord­stadt. Geor­ges Paul: »Im Dia­log­raum haben wir einen gemein­sa­men Anlauf­punkt gefun­den, für den wir den Leu­ten dort nicht genug dan­ken können.«

Abseits grundlegender Dinge

Regel­mä­ßig steht er hier auch selbst auf der Büh­ne, um mit ande­ren Musi­kern zu impro­vi­sie­ren. Es sind qua­si öffent­li­che Gesprä­che mit zumeist wild­frem­den Men­schen, die er dann führt – flüch­ti­ge Momen­te, in denen eine gemein­sa­me Aus­drucks­form ermit­telt wird, wäh­rend sich die Künst­ler abseits selbst so grund­le­gen­der Din­ge wie Rhyth­mus, Tona­li­tät oder Zeit bewe­gen. Ein gewis­ses Risi­ko gehen sie dabei jedes Mal ein. Nicht immer fin­den die ver­schie­de­nen musi­ka­li­schen Ver­ständ­nis­se zuein­an­der. »Feh­ler sind ein Teil der Pro­ze­dur«, sieht Paul die Sache nüch­tern. »Machst Du kei­ne, bewegst Du Dich nicht vor­an. Sie sind nicht zuletzt ein Ansporn, Dein Instru­ment noch bes­ser beherr­schen zu ler­nen.« Oder im Fall von Geor­ges Paul: Dei­ne Instrumente.

»Der Kon­tra­bass mit sei­ner kom­ple­xen Gram­ma­tik und das beweg­li­che Saxo­phon sind wie zwei ver­schie­de­ne Sprachen.«

In einem an Musik wei­test­ge­hend des­in­ter­es­sier­ten Umfeld auf­ge­wach­sen, hat er ver­gleichs­wei­se spät ange­fan­gen, ein Instru­ment zu erler­nen. Mit Mit­te 20 ani­mier­ten ihn Freun­de dazu, neben der Ste­reo­an­la­ge noch ande­re Wege des Musik­spie­lens zu fin­den. Er ent­schied sich für den Kon­tra­bass und warf sich neben sei­nem Stu­di­um der Phi­lo­so­phie wie beses­sen in den Unter­richt. Das Saxo­phon­spie­len brach­te er sich spä­ter zu wei­ten Tei­len auf eige­ne Faust bei.

»Die bei­den Instru­men­te sind wie zwei ver­schie­de­ne Spra­chen«, sagt er. »Der Kon­tra­bass mit sei­ner kom­ple­xen Gram­ma­tik ist ver­gleich­bar mit Deutsch, wäh­rend das beweg­li­che Saxo­phon eher dem Eng­li­schen ent­spricht. Für etwas Small­talk braucht man nur ein paar Voka­beln. Die Schwie­rig­kei­ten kom­men erst, wenn Du mehr willst, als über das Wet­ter zu reden.« Inzwi­schen par­liert Paul mit sei­nem Saxo­phon weit über Smalltalk-Niveau.

Zusam­men mit dem fes­ten Wil­len zur anar­chi­schen Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und einer sehr direk­ten Art, Zie­le anzu­ge­hen, hat ihm die­se »sprach­li­che« Gewandt­heit schon etli­che inter­es­san­te Türen geöff­net. Kon­zer­te mit man­chen der wich­tigs­ten Musi­ker der Sze­ne sind für Geor­ges Paul kei­ne blo­ße Vision.

Am ers­ten Okto­ber­wo­chen­en­de etwa wird er die Büh­ne mit einem sei­ner Ido­le tei­len. An zwei Aben­den hin­ter­ein­an­der wird das Vagran­cy Ensem­ble, des­sen Teil Geor­ges Paul ist, Kon­zer­te mit Roscoe Mit­chell spie­len, mit einem Grün­dungs­mit­glied des Art Ensem­ble of Chi­ca­go. Ein Kon­zert mit einem der Män­ner, die ihn durch eine gelie­he­ne CD maß­geb­lich beein­flusst haben: Für Paul schließt sich damit qua­si ein Kreis. Und hin­ter dem Zir­kel­schluss geht es wei­ter. Orga­ni­sa­ti­on von Tour­ne­en, Grün­dung eines Plat­ten­la­bels. Gro­ße Plä­ne war­ten auf ihre Umset­zung. Mit dem Geist des DIY wird Geor­ges Paul sie angehen.

Die­ser Arti­kel erschien ursprüng­lich im Bon­ner Stadt­ma­ga­zin »Schnüss«. Das Foto von Geor­ges Paul wur­de mir von ihm selbst zur Ver­fü­gung gestellt.

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