»Kurvendiskussion«: Baggern gegen das Vergessen

Foto: Carl Brunn
Foto: Carl Brunn

Irgendwann musste es ja passieren. Nach etlichen Abschieden mit Countdown, letztem Spiel, allerletztem Spiel und jetzt aber wirklich finalem Kick werden am Tivoli seit Ende September Nägel mit Köpfen gemacht. Der Abriss hat begonnen. Riesige Baggerschaufeln pflügen derzeit die alten Tribünen um. Durch eine Schneise im Aachener Wall transportieren LKWs Schutt ab, der jahrzehntelang meinen Lieblingsverein beherbergt hat. Die Gewissheit, dass der gute, alte Schuppen demnächst einfach verschwunden sein wird, geht nicht nur mir an die Nieren. Gehörte es für viele Fans in den vergangenen Monaten zum festen Spieltagsritual, auf dem Weg zum neuen Stadion beim alten vorbei zu sehen, nehmen die meisten in diesen Tagen eher einen Umweg. »Das Elend gucke ich mir nicht an«, lautet die einhellige Meinung. Und die Rede ist tatsächlich nicht vom Gekicke im Postkasten.

Gar nicht zimperlich

In Anbetracht der Tatsache, dass eigentlich niemand unter den schwarz-gelben Anhängern diesen Abriss begrüßt, sorgt ein PR-Stunt unseres aktuellen Oberbürgermeisters für nachhaltiges Kopfschütteln. Wie um alles in der Welt ist Marcel Philipp nur auf die Idee gekommen, sich am ersten Tag dieser Planieraktion breit grinsend auf einem Bagger ablichten zu lassen? Welche Botschaft wollte er damit wohl vermitteln? »Ich hack Euch jetzt die alte Bude klein«? Aber vielleicht darf man einfach nicht zimperlich sein, wenn man sich für alle Zeiten in den Geschichtsbüchern seiner Stadt verewigen möchte. Für den einen oder anderen wird Herr Philipp bis zum Sankt Nimmerleinstag der Mann sein, der »damals mit der Bagger in die Tribüne reinjekloppt hat.« Je nach Herangehensweise ist das allemal besser, als einfach in Vergessenheit zu geraten.

(»Kurvendiskussion«, meine allmonatliche Kolumne zur Alemannia aus Aachen erscheint meistens hier. Meistens.)

Ähnliche Beiträge:

»Kurvendiskussion«: Jeder kann irgendwas
Für den einen oder anderen Aachener Spieler wird es im Falle eines Abstiegs eng in Sachen Zukunftsplanung. Zumindest als Fußballer. Ohne Kicken stehen hingegen etliche Wege offen.
Mittel zum Party-Zweck
In den kommenden Wochen wird man das Volk wieder scharenweise zu den Marktplätzen der Republik pilgern sehen – vorgeglüht, angemalt, ordentlich befahnt. Mit der EM kommt das Public Viewing z...
Ultrakurze Leitung
Unterschiedliche Ansätze für denselben Job. Zwei Radioreporter berichten vom Tivoli. Der eine neutral und sachlich, der andere parteiisch und emotional.
Zúñiga und Neymar: viel Wirbel um einen harten Zusammenstoss
Frühere gelbe Karten würden manchem WM-Spiel guttun. Den Zusammenstoss von Juan Zúñiga und Neymar hätten sie dennoch nicht verhindert.
______________________

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, mein Name ist Christoph Löhr und ich bin ein Öcher Jong, den es an den Rhein verschlagen hat - nach Bonn. Als freier Journalist und Autor arbeite ich sowohl für diverse Zeitungen und Magazine, als auch im Auftrag von Agenturen und Direktkunden. Wer nach dem Besuch meines Blogs Interesse an weiteren Informationen hat, findet mich auch bei Facebook, Twitter, Xing oder wahlweise bei Google+. (Weitere Netzwerke, in denen ich mal mehr, mal weniger aktiv bin, finden sich im Fußbereich dieser Seite.)

Getaggt als: , , , ,